Die Soldaten brauchten einen Moment, bis ihnen klar wurde, dass sie ihn erwischt hatten. Das Gesicht des Toten ähnelte in nichts dem Rebellenchef. Der grau gewordene Rauschebart war abrasiert, die kantige Intellektuellenbrille lag irgendwo im Gras. Erst ein Abgleich der Fingerabdrücke brachte die endgültige Gewissheit: Nach Jahrelanger Verfolgungsjagd durch drei Provinzen hatte die kolumbianische Armee am Freitag Guillermo León Sáenz Vargas alias Alfonso Cano, den Führer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), zur Strecke gebracht.

Präsident Juan Manuel Santos bestätigte kurz nach Mitternacht die historische Nachricht: "Die Nummer Eins der Farc ist gefallen", sagte Santos in einer kurzen Ansprache in der Hafenstadt Cartagena. Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón gab nach einem zweistündigen Treffen mit seinen Generälen in der Hauptstadt Bogotá erste Einzelheiten der Operation Odiseo (Odysseus) bekannt.

Pinzón zufolge bombardierte die kolumbianische Luftwaffe am Freitagmorgen um 08.30 Uhr zunächst ein Farc-Camp in einer unwegsamen Dschungelregion nahe der Ortschaft Suárez im südwestlichen Departament Cauca. Bei dem Angriff kamen der persönliche Funker Canos und offenbar auch seine Lebenspartnerin ums Leben. Der Farc-Oberkommandeur wurde verletzt. Am Boden kämpfende Spezialeinheiten der Armee fassten um die Mittagszeit dessen Sicherheitschef, alias "Efraín".

Einer der letzten historischen Farc-Anführer

In dem insgesamt siebenstündigen Feuergefecht mit den eingekesselten Guerilleros töteten die Soldaten irgendwann auch Cano. Sicherheitskräfte brachten den Leichnam in die Stadt Popayan, wo die Identität des Opfers zweifelsfrei festgestellt wurde. Am letzten Zufluchtsort Canos im Dschungel fanden die Soldaten laut Verteidigungsminister Pinzón "sieben Computer, 39 USB-Sticks, Festplatten, Handys, und 194 Millionen Pesos (rund 73.000 Euro)" sowie Euros und Dollar in bar.

Präsident Santos hatte in den letzten Monaten mehrfach den Fall Canos angekündigt. Er sollte recht behalten. Der 63-Jährige Farc-Chef hatte erst im März 2008 das Oberkommando über die größte und älteste Guerillabewegung Südamerikas übernommen, nachdem ihr Gründervater Marulanda an den Folgen einer Krebserkrankung oder eines Herzinfarktes gestorben war. 2300 Elitesoldaten waren Cano seither dicht auf den Fersen und trieben ihn in seinem Versteck im nebligen und dicht bewaldeten Hochgebirge zwischen den Provinzen Tolima und Huila in die Enge.

In den vergangenen zwölf Monaten schalteten die technologisch hoch überlegenen Verfolger nach und nach zehn Kommandeure und enge Vertraute des Rebellenführers aus, der sich daraufhin Richtung Süden in die Provinz Cauca durchschlug. Drei dort stationierte Kampfgruppen der Farc mit insgesamt 500 Mann hatten den Auftrag, mit Angriffen auf die Armee deren Offensive abzulenken. Am Ende vergeblich. Um weniger aufzufallen, verkleinerte Cano die ihm direkt unterstellte Truppe drastisch. In seinen letzten Stunden war der Chef von geschätzten 8000 Guerilleros nur noch von 14 Leibwächtern begleitet, so Verteidigungsminister Pinzón.

Mit Cano verlieren die in zahlreiche Kampfgruppen über ganz Kolumbien aufgeteilten Farc eine ihrer letzten historischen Führungsfiguren. Der 1948 in Bogotá geborene Cano wuchs als fünfter von insgesamt sieben Brüdern in einer gutbürgerlichen, mit linken Ideen sympathisierenden Familie auf.