Die Flucht der kubanischen Krankenschwestern – Seite 1

Um vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht aufgegangen, machte sich Roberta auf den Weg. Sie hatte sich in eine dicke Winterjacke gehüllt und Handschuhe übergestreift, um sich vor der Kälte der venezolanischen Anden zu schützen. Sie trug ihren kubanischen Pass bei sich und eine Wasserflasche. Viel mehr nahm sie nicht mit in ihr nächstes Leben. Sie wanderte auf Schleichwegen durch die Berge, von der Angst getrieben, ihre Flucht könnte auffliegen. In einem Dorf nahm sie einen Bus, stieg einmal um, dann noch einmal.

Nach fünf Stunden erreichte sie schließlich den Treffpunkt. Ihr kolumbianischer Freund wartete bereits. Er brachte sie nach San Antonio de Tachira, eine venezolanische Grenzstadt. Sechs quälende Stunden dauerte die Fahrt. Sie überquerten die Brücke, die nach Kolumbien führt. Ein venezolanischer Nationalgardist winkte sie vorbei. Dann endlich atmete sie auf. "Jetzt fühle ich mich frei", sagte sie ihrem Fluchthelfer.

Eine Woche später sitzt Roberta im Büro ihres neuen Arbeitgebers, einem Heilpraktiker in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Große goldfarbene Ohrringe betonen ihre dunkle Haut und ihr schönes Gesicht. Sie wägt jedes Wort ab. Sie will nicht, dass ihr wahrer Name in der Zeitung auftaucht. Sie fürchtet Repressalien für ihre zwei Töchter, die sie auf Kuba zurückgelassen hat.

Die 42-jährige Krankenschwester aus Kuba arbeitete drei Jahre lang in einem Centro Diagnostico Integral, einem jener Vorzeigekrankenhäuser, die der venezolanische Präsident Hugo Chávez in Venezuelas Armensiedlungen errichten ließ. Kubanische Ärzte und Krankenschwestern behandeln dort mit einheimischen Kollegen kostenlos Venezolaner aus der Unterschicht. Für viele der Patienten ist es das erste Mal, dass sie eine menschenwürdige medizinische Versorgung erhalten.

Für Kuba ein exzellentes Geschäft

Chávez und der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro besiegelten die Zusammenarbeit im Oktober 2000. Venezuela liefert heute auf Basis des Abkommens täglich 96.000 Barrel Öl zu Vorzugsbedingungen. Der kommunistische Inselstaat bezahlt dafür indirekt: Er entsendet medizinisches Personal, aber auch Trainer, Landwirte, Ingenieure und Armeeberater.

Die sozialistischen Regierungen in Caracas und Havanna beschwören gerne die Solidarität zwischen den beiden Brudervölkern. In der Realität lässt sich Kuba die Freundschaft teuer bezahlen. Für die Brüder Castro sind die Auslandshelfer eine wichtige Devisenquelle. 2010 arbeiteten nach Angaben des Parteiblattes Granma 37.000 kubanische Ärzte in 77 Ländern. In kein Land hat Kuba so viele Ärzte ausgeschickt, kein Land überweist so viel Geld wie Venezuela.

Das Öl, das Venezuela auf die Insel verschifft, habe "aktuell einen Marktwert von jährlich mehr als drei Milliarden Dollar", sagt Kuba-Experte Jorge Piño von der Florida International University. Verrechne man diese Summe mit den schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Kubanern in Venezuela, käme da auf dem Papier ein für einen Kubaner geradezu "unglaublicher Jahreslohn" zusammen, sagt Piño.

 Die Auslandsaufenthalte sind begehrt

Nutznießer ist die Regierung in Havanna, die ihre knappen Devisen nicht auf dem freien Markt für Öl ausgeben muss. Wirtschaftlich wäre sie ohne die Subventionen aus Caracas längst zusammengebrochen, sagt Piño. Die Gastarbeiter selbst erhalten nur ein monatliches Taschengeld von 964 Bolivares Fuertes (164 Euro), sagt Roberta.

Die Auslandsmissionen sind unter Kubanern dennoch heiß begehrt. Sie können in den Gastländern Konsumgüter wie Fernseher und Kühlschränke kaufen, die es in der Mangelwirtschaft daheim nur in Spezialläden gegen harte Währung gibt. Für einige noch motivierender: Endlich dürfen sie den streng abgeschirmten Inselstaat verlassen. Die Chance, in die USA zu flüchten.

"60 Prozent der Kubaner gehen mit der Absicht nach Venezuela, von dort aus in den Westen abzuhauen", behauptet Roberta. Belegen kann sie das nicht. Doch weist das Ausmaß des kubanischen Überwachungsapparates in Venezuela darauf hin, dass die sozialistischen Granden in Havanna das Problem ernst nehmen.

"Ich war mit 40 Kubanern in einem Wohnkomplex untergebracht. Kontakt mit Venezolanern war nicht gern gesehen", sagt Roberta. "Wollten wir raus, mussten wir den Koordinador unserer Brigade um Erlaubnis fragen." Selbst zwischen den Kollegen herrschte Misstrauen. "In allen Arbeitsgruppen hatte unser Geheimdienst Spitzel installiert", sagt die 42-Jährige. Ihr kubanischer Lebenspartner, ein Arzt, wagte dennoch die Flucht nach Kolumbien. Roberta wurde daraufhin in ein Dorf in die Nähe der Touristenmetropole Mérida strafversetzt.

Als Roberta in Venezuela eintraf, war sie vom Sozialismus überzeugt. "Unsere Arbeit dort ist sinnvoll", sagt sie bis heute. Sie traf neue Leute, las liberale Medien, und merkte, dass vieles, was die Machthaber ihrer Insel ihr beigebracht hatten, Fassade war. "Der Koordinador unserer Brigade unterschlug Staatsgelder und kaufte sich damit eine Finca", klagt Roberta. Und während die Regierung in Havanna dank des Venezuela-Deals Milliarden Dollar spare, fehle es dem Volk an allem.

Trotz 22 Jahren Berufserfahrung habe sie auf Kuba monatlich nur 500 Pesos verdient, umgerechnet 20 Dollar, rechnet Roberta vor. Allein eine Flasche Speiseöl koste aber mehr als zwei Dollar. "Um über die Runden zu kommen, muss jeder noch hinzuverdienen. Ich habe an Bekannte Zahnpasta verkauft." Auch in Venezuela schränkte sie sich ein. Sie sparte, um ihrer Familie daheim eine Waschmaschine und DVD-Spieler zu kaufen. "Es gab Tage, da habe ich nichts gegessen." Nun ist sie aus dem Sozialismus geflohen.