Es scheint leider noch immer ein sehr deutscher Reflex zu sein, jede Einmischung in einen militärischen Konflikt als "Aggressionspolitik" zu verdammen. Merken solche Kommentatoren eigentlich nicht, wie moral- und geschichtsblind sie argumentieren?

Das vergangene halbe Jahrhundert war voll von völkerrechtswidrigen Interventionen. Bloß: den allermeisten davon lagen keine westlichen Aggressionen zugrunde. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Der Chinas in Vietnam. Der Ägyptens in den Jemen. Der des Irak nach Kuwait. Der Einmarsch Ugandas in Ruanda. Der Ruandas in den Kongo. Russlands Krieg in Tschetschenien. Alles vergessen?

Keine von ihnen hatte auch nur im Entferntesten die Legitimität, wenn man davon bei ihnen überhaupt sprechen mag, mit der die Nato in Libyen intervenierte. Die Operation Unified Protector stützte sich, noch einmal, auf das Prinzip, das die UN-Vollversammlung im September 2005 nach langer diplomatischer Vorarbeit durch Kofi Annan verabschiedete, nämlich die "Verantwortung, Bevölkerungen vor Genozid, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen." Das war eine richtige Relativierung des Grundsatzes der Nichteinmischung, ein wichtiger weltzivilisatorischer Schritt.

Damit ist natürlich eine heikle Frage noch nicht beantwortet. Wie viele Menschenleben ist die Freiheit wert? Der libysche Übergangsrat schätzt die Anzahl der Toten durch sämtliche Kampfhandlungen auf zwischen 30.000 und 50.000. Nur, gegen welchen Wert soll man diese Zahl aufwiegen? Es gibt keinen. Wichtig ist es indes, zweierlei festzuhalten. Diese Opferzahlen wären vermeidbar gewesen, hätte Gadhafi seine Söldner-, Granaten- und Raketenangriffe beendet oder zumindest den Waffenstillstand, den er zu Beginn des Konflikts erklärt hatte, eingehalten. Der Großteil der Toten ist seine Schuld, nicht die der Rebellen und nicht die der Nato.

Zweitens lässt sich schlicht nicht sagen, wie blutig der libysche Bürgerkrieg ausgegangen wäre, hätte die Nato nicht interveniert, um das Gadhafi-Militär zu dezimieren. In Ruanda sind schätzungsweise 800.000 Menschen ermordet worden. So, das sollte sich jeder vor Augen führen, der die vermeintliche Gewaltlust des Westens anprangert, kann eine Bilanz ohne Intervention aussehen. Es ist einfach, einen Krieg zu verdammen – und oft richtig. Aber viel zu oft macht ihr es euch allzu einfach, liebe Kommentatoren.