Mario Monti redet nicht viel. Vor zwei Wochen fragte ihn ein Journalist am Rande einer Konferenz im College d'Europe, ob er bereit wäre, Berlusconis Amt zu übernehmen. Der höfliche Professor aus der Bocconi-Akademie antwortete bloß mit einem sanften Lächeln. Er kennt ja die Macht der Worte. In einem Brief an Silvio Berlusconi , der Ende Oktober in der Tageszeitung Corriere della Sera veröffentlicht wurde, mahnte er: "Unvorsichtige Worte haben einen Preis."

Er bezog sich damit auf die Äußerungen des amtierenden Ministerpräsidenten über den Euro. Berlusconi meinte damals herausgefunden zu haben, dass der Euro "niemanden richtig überzeugt" habe. "Herr Ministerpräsident", schrieb Monti, "der Euro ist nicht in der Krise. Es gab Spekulationen. Sie zielten allerdings nur auf Länder ab, die trotz ihrer hohen Staatsverschuldung nötige strukturelle Reformen nicht verabschieden konnten."

Obwohl er nie ein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darum ging, Berlusconis Regierungsführung zu kritisieren, weigerte sich der Professor bisher, an der derzeitigen Schlammschlacht in Italien teilzunehmen. Dafür ist er zu weise. Während eines EU-Dinners in Brüssel im Mai wusste er schon vorherzusagen, dass die Entwicklung der Euro-Krise bis zu jenem Zeitpunkt "nur eine Vorspeise" gewesen sei. Im September forderte er dann die italienische Regierung auf, "unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen", um den Ausbruch einer heftigeren Krise abzuwenden. Seine Mahnung blieb folgenlos.

Große Herausforderungen schrecken ihn nicht

Jetzt ist er plötzlich der "Mann des Schicksals", der einzige, dem zugetraut wird, sowohl Italien als auch Europa vor dem Abgrund zu retten. Am Mittwoch ernannte ihn der Staatspräsident Giorgio Napolitano zum Senator auf Lebenszeit. Damit ist der Weg zum Amt des Premierministers geebnet. Wie immer blieb der Professor auch danach kühl und nüchtern: "Es gibt sicher sehr viel zu tun, wenn wir Italien wieder auf die Beine stellen wollen", sagte er den Journalisten am Rande einer Konferenz in Berlin.

Monti lässt sich von den großen Herausforderungen nicht einschüchtern. Mit 27 war der Bankier-Sohn aus Varese schon Wirtschaftsprofessor an der Universität in Turin. Nach dem Studium an der renommierten Bocconi-Akademie in Mailand promovierte er in Yale unter James Tobin, dem Erfinder der gleichnamigen Transaktionssteuer. Fünfzehn Jahre später kehrte Monti zur Bocconi zurück, deren Präsident er immer noch ist.

 "Ich bin ja altmodisch"

In den achtziger Jahren kritisierte er die Verstrickung von Politik und Wirtschaft in der italienischen Zentralbank. Als Helmut Kohl Anfang der neunziger Jahre Italiens Mitgliedschaft in der EU überprüfen ließ, spornte Monti das Land an, die notwendigen Garantien herbeizuschaffen.

1994 wurde er von Silvio Berlusconi, damals Chef seiner ersten Regierung, für das Amt des EU-Binnenmarkt-Kommissars ausgewählt. Als Berlusconis Koalition einige Monate später zerbrach, stand Montis Name auf der Liste der möglichen Nachfolger. Doch er entschied sich, in Brüssel zu bleiben. 1999 wurde er mit Unterstützung der damaligen Mitte-Links-Regierung von Massimo D'Alema Wettebewerbs-Kommissar. 

Zwei unerhörte Siege

In dieser Funktion wurde Monti unter den Spitznamen "Der Antitrust-Zar" und "Super-Mario" europaweit bekannt. Unter Montis Führung nämlich ging die EU-Kommission zum ersten Mal gegen globale Wirtschaftsriesen vor. Seine bekanntesten Erfolge erzielte er in der Auseinandersetzung mit den Software- und Technologiekonzernen Microsoft und GE. Den einen zwang er am Ende eines langen Gerichtsverfahrens, die eigene Quellcodes zu veröffentlichen. Den anderen überzeugte er, die Fusionspläne mit dem Wettbewerber Honeywell aufzugeben.

Es waren zwei unerhörte Siege. Die europäische Stabilitätspolitik hatte sich zum ersten Mal gegen die marktliberale Strategie der US-Konzerne durchgesetzt. Selbst der damalige GE-Chef Jack Welch musste zugeben, dass er gegen den höflichen obgleich standhaften italienischen Professor keine Chance hatte.

Montis Stärke liege in einer "Kombination von Charme, Intelligenz und der Fähigkeit, in seiner Hartnäckigkeit höflich zu bleiben", schrieb damals die britische Wochenzeitschrift The Economist . "Geschliffen und brillant wie ein altmodischer Landherr", nannte ihn heute einer seiner einstigen Mitarbeiter in der Wettbewerbskommission im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Montis Überzeugung, dass der Euro nicht zugrunde geht, sondern – im Gegenteil – möglicherweise gestärkt aus der Krise hervorgeht, könnte die Hoffnungen in der EU wiederbeleben. "Das Problem des Euros", schrieb er in seinem Brief an Berlusconi, "ist, dass er bis jetzt noch nicht von einer starken politischen Führung unterstützt ist." In einer Zeit, in der immer weniger an die Gemeinschaftswährung zu glauben scheinen, könnte das ein wichtiger Signal sein. Beharrlich genug ist er für diesen Job. "Ich bin ja altmodisch", sagt der Professor im Tweed.