ZEIT ONLINE: Nuon Chea, Pol Pots Stellvertreter, steht derzeit in Phnom Penh vor dem UN-Tribunal. Sie haben jahrelang versucht, ihn zum Sprechen zu bewegen: über das Regime der Roten Khmer und den Genozid. Bis er das dann tatsächlich tat. Wie sind Sie vorgegangen?

Thet Sambath: Ich versuchte zunächst, über seine Familienmitglieder an ihn heranzukommen und sein Vertrauen zu gewinnen. Das war sehr schwierig, denn Nuon Chea, der sogenannte Brother No. 2, vertraute niemandem. Eines Tages hat er zugesagt. Zuerst haben wir nur am Telefon miteinander gesprochen. Später durfte ich ihn dann in seinem Haus besuchen. Dass ich Journalist bin, habe ich ihm anfangs nicht gesagt, sondern mich als Forscher vorgestellt. Ich habe ihm auch verheimlicht, dass meine Eltern und mein älterer Bruder von den Roten Khmer getötet wurden.

ZEIT ONLINE: Wie war es, als Sie ihn nach den Jahren des Bemühens zum ersten Mal trafen?

Thet: Zunächst hatte ich Angst. Sein Haus war komplett von Wachen mit Maschinengewehren abgesichert. Ich musste drei Checkpoints passieren. Als ich ihn dann tatsächlich traf, war ich plötzlich sehr glücklich. Ich war mir sicher, dass ich etwas für die kambodschanische Gesellschaft tun kann, wenn ich seine Sicht auf die Dinge erfahre.

Selbst meine Ferien habe ich bei Nuon Chea verbracht

ZEIT ONLINE: Nuon Chea war zwar zu Treffen mit Ihnen bereit, aber Sie mussten sich noch lange gedulden.

Thet: Lange Zeit hat er überhaupt nicht über Politik gesprochen, später nur über die Zeit bis 1974. Aber die Zeit zwischen 1975 und 1979, die Zeit der Herrschaft Pol Pots, hat mich natürlich am meisten interessiert. Es dauerte vier Jahre, bis wir dahin kamen.

ZEIT ONLINE: Sie haben sehr viel Zeit in seinem Haus verbracht.

Thet: Ich war oft ganze Tage da, von morgens bis abends. Selbst meine Ferien habe ich bei ihm verbracht, manchmal eine ganze Woche am Stück. Oft war ich sehr frustriert, weil ich nichts aus ihm herausbekam. Plötzlich wollte er dann offen reden. Eines Morgens kam ich zu seinem Haus und klopfte. Er war noch gar nicht aufgestanden. Er ließ mich hinein. Dann sagte er mir: "Sambath, ich kenne Dich jetzt seit vielen Jahren. Jetzt vertraue ich Dir. Von jetzt an erzähle ich Dir die Wahrheit." Darauf hatte ich vier Jahre hingearbeitet. Erstmals hat er Tötungsaktionen gestanden. Später sagte er: "Nun gehörst Du zu den drei Menschen, die über die Roten Khmer Bescheid wissen."