Vom Balkon schaut Mariano Rajoy auf ein hellblaues Fahnenmeer hinab. " Presidente, Presidente ", rufen ihm seine treuen Anhänger zu, die sich am Sonntagabend zu Hunderten vor der Zentrale der konservativen Volkspartei (PP) in der Genova Straße in Madrid versammelt haben.

Rajoy wirkt ernst. Selbst ein von der Masse geforderter Freudensprung wirkt künstlich und verklemmt. Dabei hätte Spaniens konservativer Oppositionsführer doch allen Grund zur Freude: Mit 186 Mandaten und einer sicheren absoluten Mehrheit hat er bei den spanischen Parlamentswahlen einen historischen Wahlerfolg erzielt .

Es war bereits Rajoys dritter Versuch. Zwei Mal schon musste der 56-jährige Galizier bittere Wahlniederlagen gegen Spaniens noch amtierenden sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero (PSOE) hinnehmen, der nicht wieder für das Amt des Premiers kandidiert hat. Trotz des überwältigenden Wahlsiegs winkt Rajoy mit ernster Mine den euphorischen PP-Anhänger zu.

Es mag an seinem trockenen Charakter liegen. Vielleicht ist er sich aber auch nur bewusst, welch schwierige Aufgabe ihn nun erwartet . Denn der Sieg an den Urnen war weniger sein Verdienst, als vielmehr die Unzufriedenheit mit den regierenden Sozialisten, die nicht in der Lage waren, das Land aus der eskalierenden Wirtschaftskrise mit einer Arbeitslosenquote von beinahe 22 Prozent herauszuführen.

"Probieren wir es halt mit dem anderen"

"Die Spanier haben ganz nach dem Motto gewählt, wenn der eine es nicht geschafft hat, probieren wir es halt mit dem anderen", erklärt der spanische Soziologe Fermín Bouza von der Madrider Complutense Universität. Dabei dürfte es eher die Erinnerung an die wirtschaftlichen Boomzeiten unter Rajoys Vorgänger José María Aznar gewesen sein, welche die Herzen für die Wahl Mariano Rajoys erwärmten.

Denn große Popularität genießt der als blasser Parteisoldat und Technokrat geltende Galizier nicht. Der lispelnde bisherige Oppositionsführer gilt nicht als guter Redner oder charismatischer Sympathieträger. Sogar auf seine eigenen Wähler wirkt er oftmals distanziert, spröde und langweilig.

Dennoch gilt Mariano Rajoy als erfahrener Krisenmanager. Bereits 1981 trat der Jurist aus Santiago de Compostela der Alianza Popular bei, aus der 1989 die konservative Partido Popular wurde. Nach dem Wahlsieg im Jahr 1996 wurde er von Regierungschef Aznar zunächst als Bildungs- und Kulturminister ins Kabinett geholt. Nach der Wahl 2000, für die Rajoy als Wahlkampfleiter zuständig war, machte ihn Aznar zum Regierungssprecher und stellvertretenden Ministerpräsidenten, bevor er ab 2001 als Innenminister große Erfolge im Kampf gegen die baskische Terrororganisation ETA feierte.

Rajoy, der seit einem Autounfall einen Bart trägt, um seine Narben am Hals zu verbergen, musste dabei jahrelang die unpopulären Entscheidungen der damaligen Regierung in der Öffentlichkeit vertreten. Der begeisterte Zigarrenraucher und Real Madrid Fan verteidigte die von der Mehrheit der Spanier abgelehnte Entsendung spanischer Soldaten in den Irak, wo Aznar seinen "Freund" US-Präsident George W. Bush im Krieg gegen Saddam Hussein unterstützen wollte. Auch die katastrophale Reaktion der Regierung auf das Tankerunglück der Prestige vor der galizischen Küste 2002 badete er für Aznar aus. Der als verantwortungsbewusst und fleißig bekannte Rajoy ging aus den Krisen sogar gestärkt hervor.