Kurz vor der internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn zeigt sich die Bundesregierung offen für Friedensgespräche mit den radikal-islamischen Taliban. "Wir können nicht jeden vom innerafghanischen Aussöhnungsprozess ausschließen, der einmal das Schwert in die Hand genommen hat", sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière der Bild am Sonntag in einem gemeinsamen Interview mit Außenminister Guido Westerwelle.

Aussichten auf Erfolg gebe es nur, wenn eine ausreichende Menge der wichtigen Gruppierungen mitwirke. "In dieser Situation kann der Westen nicht einfach sagen: Ihr seid die Bösen, mit euch verhandeln wir nicht." An der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg, die vor zehn Jahren die Zukunft des Landes nach dem Einmarsch der USA gestalten sollte, waren die Taliban nicht beteiligt. Inzwischen gilt dies vielen Experten als Fehler.

Westerwelle dämpft Erwartungen

Westerwelle sagte: "Aussöhnung findet nicht zwischen Freunden, sondern zwischen bisherigen Gegnern statt." Es gehe darum, junge Männer dazu zu bringen, sich von ihren extremistischen Führern loszusagen, die Verfassung zu respektieren und in ihre Dörfer zurückzukehren. Gleichzeitig dämpfte Westerwelle die Erwartungen an die Konferenz, bei der die internationale Gemeinschaft sich zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban darauf verpflichten will, das Land auch nach dem Abzug der Kampftruppen langfristig zu unterstützen: "Niemand weiß heute, ob dieser afghanische Aussöhnungsprozess gelingt."

Die Konferenz findet am 5. Dezember statt. Die internationale Schutztruppe, an der die Bundeswehr beteiligt ist, will ihre Kampfeinheiten bis Ende 2014 aus Afghanistan abziehen.

De Maizière sagte, im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr den Isaf-Einsatz führt, gingen die Anschläge erstmals im Vergleich zu den Vorjahren zurück. Die Isaf-Soldaten seien gebietsmäßig überlegen und hätten fast vollständig die Initiative übernommen.