ZEIT ONLINE : Stellen Sie sich vor, Putin wäre morgen nicht mehr an der Macht. Gäbe es andere politische Kräfte, die eine Regierung bilden könnten?

Mitrochin : Das lässt sich derzeit schlecht sagen. Wir bräuchten echte Wahlen, dann würde sich zeigen, welche Kräfte die Wähler wollen. Gäbe es richtige Wahlen, würde sich ein Großteil der heute in der Duma vertretenen Parteien in Luft auflösen. Denn das sind ja Parteien von Putins Gnaden , die nur ein bisschen Opposition spielen. Wir brauchen Wahlen und Freiheit der Massenmedien. Dann können sich neue politische Kräfte entwickeln.

ZEIT ONLINE : Gibt es eine Chance, dass Putin die Präsidentschaftswahl 2012 nicht gewinnt?

Mitrochin : Es wäre schon schön, wenn es einen zweiten Durchgang bei den Wahlen gäbe! Aber natürlich wird auch bei den Präsidentschaftswahlen massiv getrickst und gefälscht werden. Nur wenn das nicht so wäre, gäbe es eine theoretische Chance, dass Putin abgelöst würde. Aber die Wahl wird nicht ehrlich sein.

ZEIT ONLINE : Welche Strategie verfolgt ihre Partei Jabloko bis dahin?

Mitrochin : Wir werden zunächst die Parlamentswahlen anfechten – in allen Regionen . Und wir werden dafür sorgen, dass es sehr, sehr viele Wahlbeobachter bei den Wahlen am 4. März geben wird. Und schließlich werden wir auf unserem Parteitag auch selbst einen Präsidentschaftskandidaten aufstellen.

Prochorow ist ein dicker Kumpel Putins, er ist also nur eine Antwort des Kreml.

ZEIT ONLINE : Werden Sie kandidieren?

Mitrochin : Ich werde definitiv nicht der Jabloko-Präsidentschaftskandidat sein.

ZEIT ONLINE : Wer könnte eine charismatische Führungsfigur gegen Putin sein? Der Oligarch Michail Prochorow, der ja seine Kandidatur für das Präsidentenamt angekündigt hat?

Mitrochin(lacht) : Das ist ja völlig absurd! Prochorow ist ein dicker Kumpel Putins, er ist also quasi nur eine Antwort des Kreml. Er ist ein Oligarch, der sein Geld nicht wie Bill Gates mit Talent verdient hat, sondern mit Unterstützung des Kreml. Politisch gibt es zwischen ihm und Putin keinerlei Unterschied.

ZEIT ONLINE : Was halten sie von dem Blogger Alexej Nawalny ?

Mitrochin : Der Mann sagt zwar richtige Dinge und vor allem weiß er, wie man mit dem Internet umgehen muss. Aber er hat ein entscheidendes Minus: Er ist ein Nationalist. Schlimmer noch, er ist ein nationaler Populist – und das ist sehr, sehr gefährlich. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir ihn aus unserer Partei einst ausgeschlossen haben. Ich wünsche ihm Erfolg – aber politisch sind wir nicht einer Meinung.

ZEIT ONLINE : Sie haben 2006 mit Boris Nemzow eine Kommission zur Vereinigung demokratischer Kräfte gegründet, aber das Experiment hat nicht lange gehalten. Sind die Chancen für einen Zusammenschluss von Oppositionellen heute besser?

Mitrochin : So ein Zusammenschluss hat gar keinen Sinn. Wir sind alle völlig unterschiedlich und haben ganz verschiedene politische Ansichten und Ziele. Wir brauchen derzeit keine Koalitionen. Was wir brauchen ist einen Zusammenschluss aller für freie Wahlen! Mehr nicht.

ZEIT ONLINE : Nach dem Chaos in den neunziger Jahren hat Russland sich unter Putin wirtschaftlich und politisch immerhin stabilisiert. Muss man da Putin nicht weiterhin vertrauen?

"Ich wurde gesetzeswidrig drei Stunden festgehalten"

Mitrochin : Auf dem Land sehen das manche Leute schon noch so. Aber glauben Sie mir, in den großen Städten ist das nicht mehr der Fall.

ZEIT ONLINE : Hat es Sie überrascht, dass Putins Partei Einiges Russland bei den Wahlen so sehr an Popularität eingebüßt hat?

Mitrochin : Die Partei hat ja in Wahrheit noch viel mehr verloren! Und nein, das hat mich nicht überrascht. Ich bin viel in den russischen Regionen unterwegs und ich weiß, dass die Unterstützung für Putin auch dort bröckelt.

ZEIT ONLINE : Warum ist das so?

Mitrochin : Die Aussicht, Putin noch einmal zwölf Jahre ertragen zu müssen, ist nicht sehr verlockend. Vor allem die Mittelschicht ist Putins schlicht überdrüssig. Und dann gibt es noch die Jugend, die unter Putin aufgewachsen ist. Sie kennt nichts anderes. Aber sie weiß auch, was unter Putin alles schief gelaufen ist – besonders kritisch sehen die Jungen die Korruption im Land.

Die Unterstützung für Putin bröckelt jetzt noch mehr, denn viele haben mit eigenen Augen gesehen, wie die Wahlen gefälscht worden sind, weil sie als Wahlbeobachter gearbeitet haben. Hinzu kommt, dass all das über das Internet verbreitet wird. Sehr viele Menschen sind davon einfach schockiert.

Für uns Politiker ist das allerdings nichts Neues, bei den Moskauer Wahlen vor zwei Jahren wurde genauso gefälscht. Es ist ja dasselbe Prinzip: ob Geld geklaut wird – also Korruption, oder ob Stimmen geklaut werden – also Wahlfälschung.

ZEIT ONLINE : Wer hat die Demonstrationen nach der Wahl organisiert?

Mitrochin : Die erste Demonstration vom 6. Dezember war spontan, wir haben nur daran teilgenommen. Es wäre ja auch merkwürdig gewesen, wenn wir vor den Wahlen schon begonnen hätten, eine Demonstration zu organisieren. Bei der Demonstration am 10. Dezember waren wir auch dabei – und nun rufen wir gemeinsam mit vielen zu einer neuen Zusammenkunft am 17. Dezember auf. Aber das wird keine Parteiversammlung, sondern eine Demonstration für gerechte Wahlen.

ZEIT ONLINE : Sie wurden mit anderen Oppositionspolitikern bei der ersten Demonstration verhaftet. War das Verhalten der Sicherheitskräfte brutaler als sonst?

Mitrochin : Ich wurde gesetzeswidrig drei Stunden festgehalten. Das war illegal, denn ich war ja Duma-Kandidat! Die Sicherheitskräfte haben nicht härter durchgegriffen, als wir das kennen. Der eigentliche Skandal besteht aber darin, dass es ja gleichzeitig eine unangekündigte und nicht genehmigte Kundgebung der Kreml-Jugend " Naschi " gab. Das waren rund 5.000 Leute, sie hatten Fahnen, Megafone und so weiter – aber die wurden nicht angerührt. Da sieht man, wie zynisch mit zweierlei Maß gemessen wird.

ZEIT ONLINE : Viele Demonstranten hatten sich bisher nicht für Politik interessiert. Was war ihr Motiv?

Mitrochin : Sie wollen sich einfach nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Sie haben die Nase voll.