Am Sonntag verließ das letzte Aufgebot der US-Armee unter strikter Geheimhaltung den Irak. Helikopter und Jets deckten im Schutz der Nacht den Rückzug von 500 Soldaten und 110 Panzerwagen ab – ein Manöver wie zu Beginn der Invasion 2003, nur in die andere Richtung.

Als die irakischen Soldaten und Zivilisten, die den letzten Stützpunkt bei Nasirija mit den Amerikanern geteilt hatten, am Morgen erwachten, war der Konvoi bereits über die Grenze nach Kuwait entschwunden. Ein Feldwebel namens Ruiz, berichtete ein mitreisender Reporter der New York Times , kommentierte den historischen Augenblick mit den trivialen Worten: "Hey, ihr Typen, wir haben es geschafft."

Die Mehrheit der Iraker begrüßt das offizielle Ende eines Krieges . Er hat dem Land nicht nur die schnelle Befreiung von der Diktatur gebracht. Sondern er hat das Land in ein jahrelanges Blutvergießen und Morden gestürzt. Ein geradezu banales Morden, das seinen vielleicht krassesten Ausdruck in einem Bild des deutschen Kriegsfotografen Christoph Bangert fand, das die achtlos auf eine Müllkippe geschmissene Leiche eines Irakers mit hinter dem Rücken gebundenen Händen zeigt. Wilde Hunde haben seinen Hals zerfleischt. Das Fleisch hat die gleiche Farbe wie ein neben seinem Kopf liegender Plastikeimer und ein billiges Sofakissen im Hintergrund.

2007 versprach Obama, die Freunde im Irak nicht zu vergessen

Für viele Iraker beginnt jetzt das große Zittern. Gefährdet sind vor allem die von den Amerikanern zurückgelassenen Dolmetscher, Helfer und Lokalpolitiker, ohne deren Unterstützung die Besatzungsmacht nie hätte auskommen können. Sie wissen nicht, ob sie nun dasselbe Schicksal einholt wie den Mann auf der Müllkippe. Der radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr hat sie für vogelfrei erklärt.

US-Präsident Barack Obama hatte sich im Wahlkampf 2007 noch für Amerikas Verbündete im Irak starkgemacht. Er versprach, sie so zu behandeln, wie man sich Gefährten und Kameraden gegenüber verhält. Das scheint jetzt vergessen. Daran ändert auch die Erfahrung der Briten nichts. Als die ihre Truppen 2009 aus Basra im Süden des Landes abzogen, wurden 17 irakische Helfer der Royal Army umgehend von Milizionären erschossen.

Wer für die Amerikaner gearbeitet hat, qualifiziert sich zwar offiziell für ein amerikanisches Visum. In der Praxis bleiben Anträge an der undurchschaubaren Bürokratie der mit 16.000 Mitarbeitern weltweit größten US-Botschaft in Bagdad hängen. Wer die Botschaft besuchen will, muss in die von der Außenwelt mit riesigen Betonmauern abgeschirmte grüne Zone vordringen. Einlass findet hier nur schnell, wer dem regierenden Klüngel angehört. Wer Glück hat oder nicht locker lässt, mag nach einem Jahr die ersehnte Grüne Karte bekommen.