Jeden Morgen, wenn die Klimadelegierten auf dem Weg in ihre Gruppentreffen und Verhandlungsrunden durch die Gänge des Kongresszentrums in Durban eilen, entstehen in diesem Menschenstrom kleine Wirbel. Sie kreisen um Tische, auf denen Stapel mit Flugblättern liegen: ECO, der tägliche Kommentar zu den Verhandlungen aus Sicht der NGOs.

ECO spricht von sich selbst vorzugsweise in der dritten Person ("ECO meint", "ECO fordert"), und was ECO meint und fordert, das wird ernst genommen. Vor ein paar Tagen hat ECO seinen täglichen Schimpfpreis für vermeintliche oder wirkliche Klimasünder, genannt Fossil des Tages, an Polen verliehen. Ausgerechnet das Land der EU-Ratspräsidentschaft habe die Schirmherrschaft für die "Europäischen Kohletage" übernommen, ein Branchentreffen der schlimmsten Klimaschurken. Tags darauf war das Dementi aus Polen da, nebst Bitte um Klarstellung: Die Kohlenleute hätten das polnische Logo ohne Zustimmung verwendet und seien darob zur Rede gestellt worden.

Ist ECO wirklich nur ein Flugblatt? Bedenkt man, wer dahinter steht, muss man wohl eher von einem Kommuniqué reden. Das Climate Action Network (CAN), das ECO verfasst, ist ein Dachverband von mehr als 700 Hilfs- und Umweltorganisationen. Aus Deutschland sind, beispielsweise, der BUND dabei, Germanwatch, Brot für die Welt, die Welthungerhilfe und das Ökoinstitut. Dazu kommen internationale Organisationen wie Greenpeace.

Traditionell steht ECO eisern auf der Seite der Armen und Entrechteten, was aus Sicht von CAN im Wesentlichen bedeutet, sich die jeweils radikalsten Forderungen aus dem Lager der Klimaopfer zu eigen zu machen. Aber in diesen Tagen ist den ECO-Autoren ein bemerkenswert pragmatischer Satz in eines ihrer Kommuniqués geraten. "Symbolische Verweise auf ein 1,5-Grad-Stabilisierungsniveau sind sinnlos, so lange wir so weit von Zielen entfernt sind, die uns auch nur halbwegs die Chance geben, unter 2 Grad zu bleiben."

Schimpftirade auf die Klima-Realos

Das klingt vernünftig, doch im Ökolager ist die Aufregung seither groß. Auf einer Pressekonferenz von CAN hob Bischof Geoff Davies von der Anglikanischen Kirche Südafrikas zu einer großen Schimpftirade auf die Klima-Realos dieser Welt an. "Unmoralisch" sei es, erklärte er, untätig zuzuschauen, wie die Welt sich der 2-Grad-Marke nähere. Die fragliche Formulierung von ECO werde sie sich nicht zu eigen machen, versichert Tove Ryding, die Klimachefin bei Greenpeace. Es gebe da bei CAN "keinerlei Meinungsverschiedenheit", schon gar keine neue Haltung. Die gemeinsame Position sei und bleibe es, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau begrenzen zu wollen.

1,5 Grad oder 2 Grad – wer das rasante Wachstum der globalen Klimagasemissionen und die jüngsten Veröffentlichungen des IPCC im Blick hat, könnte dies für eine zweitrangige Meinungsverschiedenheit unter Öko-Utopisten halten. Das ist sie aber nicht. Für die Bewohner pazifischer Inselstaaten hängt an diesem kleinen 0,5-Grad-Unterschied womöglich das Überleben ihrer Kulturen – und dass die Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels immer noch große Unklarheiten enthalten, tröstet sie verständlicherweise nicht. 2 Grad, andererseits, ist ein in den Klimaverhandlungen von Kopenhagen und Cancun mühsam errungener Kompromiss, der im multilateralen Durcheinander der Weltklimadiplomatie Bündnisse möglich macht. Allerdings ist inzwischen auch das 2-Grad-Ziel nicht mehr sonderlich realistisch – ein Umstand, der die genervte Kritik des ECO-Autors an den 1,5-Grad-Fundis im eigenen Lager erklärt