Ali der Poet redet nur in Reimen und Prosa von der Revolution und der Freiheit. Ibrahim der Maler malt meinen Namen auf den Boden. Mahmoud, ein Aktivist der Jugendbewegung sagt: "Die Revolution hat zu früh aufgehört." Sie habe ihr Ziel noch nicht erreicht.

"Natürlich ist sie nicht vorbei", sagt Ali, "aber wir machen ja weiter!" Das alte System werde man aus jedem Winkel treiben! Abdurrahman lächelt. Er ist Lehrer. Wie viele andere ist er oft hier. Ich sitze mit ihm im Februar dieses Jahres am Tahrir-Platz in Kairo, wir sind Teilnehmer des postrevolutionären Volksfestes.

Ich werde eingeladen zu Tee, Kaffee, Zigaretten. Ein Mann auf der Straße gießt ein dunkel-klebriges Getränk in ein Glas. Runter damit, wer ein Mann sein will! Von überallher Schulterklopfen. Alle antworten auf meine neugierigen Fragen. Ich höre die Geschichten der Revolution, sehe ihre Gesichter, spüre ihre Freude. "Enjoy the Revolution!", steht an einer Hauswand.

Ein paar Meter weiter rufen Menschen, jemand redet laut und andere halten Plakate hoch, auf denen etwas von arabischer Solidarität steht. Es geht darum, die anderen Revolutionen zu unterstützen – die in Libyen, Syrien, im Jemen und in Palästina.

Ägypten nimmt seine Führungsrolle in der arabischen Welt wieder ein, sagt Ali der Poet. "Unter Sadat und Mubarak", sagt er, "wurde ein Ägypter in Syrien, im Jemen und sonstwo ausgelacht und beschimpft, während unter Nasser ein Ägypter überall geschätzt und zum Tee eingeladen wurde." Das komme jetzt wieder.

In den Worten und Gesten der Menschen vom Tahrir-Platz liegt eine tiefe Zufriedenheit, eine Erleichterung und Stolz auf das Erreichte, der Stolz auch auf den eigenen Mut, sich einer gewaltsamen Diktatur widersetzt und sie zum Fall gebracht zu haben. Da ist auch viel Verwunderung über das eigene Schaffen. Wie die meisten Menschen haben selbst die Ägypter nicht an ihre Revolution geglaubt.

Entscheidend, so sagt man mir, war der 28. Januar, der "Kampf des Kamels", als die Pyramidenjungs ihre Tiere über den Platz trieben und viele Menschen unter ihre Hufe brachten. Mubarak, der mit einer weinerlichen Fernsehrede am Vortag die Menschen schon fast um den Finger gewickelt hatte, zeigte sein wirkliches Gesicht – das eines Gewaltherrschers. Ab dann gab es nur noch ein gemeinsames Ziel: seinen Sturz.

"Jetzt kann man hier wieder leben", sagt Ali, "vorher wäre man überall hin emigriert, gar nach Israel, hätte man es gekonnt." Jetzt müsse man weitermachen, der Konterrevolution widerstehen, die hinter der jüngsten, als religiöse Proteste getarnten Gewalt steckt. Die Revolution müsse zum Ende geführt werden, Insch' Allah.

Auf Ständen wird die Revolution auf bedruckten T-Shirts bereits touristisch vermarktet. Die Moslembrüder predigen in den Slums, vergeben Brot, während sich Sympathisanten der Demokratiebewegung in Opernhäusern unterhalten. Alles bleibt offen.