Es wurde ein großer Tag für die Protestbewegung in Russland, und viele der Demonstranten spürten das. Sie fotografierten einander, mal mit dem selbst gemalten Plakat gegen die Putin-Partei Einiges Russland in den Händen ("Partei der Betrüger und Räuber!"), mal mit einem weißen Schleifchen am Kragen und dem Freund oder der Freundin im Arm: Wir waren dabei!

Zehntausende kamen in Moskau auf den "Sumpf-Platz" am Kanal-Ufer des Flusses Moskwa. 25.000 Teilnehmer zählte die Polizei, 100.000 meldeten die Veranstalter. Auf alle Fälle dürfte es die größte Kundgebung der Opposition seit 20 Jahren gewesen sein. Die Demonstranten gegen Wahlfälschungen und den Sieg von "Einiges Russland" am vergangenen Sonntag haben gestern noch keines ihrer politischen Ziele durchgesetzt und doch viel erreicht.

Die Protestbewegung hat sich erstmals allein durch die Zahl ihrer Unterstützer als ein neuer, bedeutsamer Mitspieler in Russlands Politik und Gesellschaft bewiesen. Die Demonstranten führten mit klaren Forderungen, wehenden Fahnen und guter Laune vor Augen, wie sich Russland in den letzten Jahren verändert hat. Sogar in russischen Regionalstädten gingen Hunderte oder gar Tausende auf die Straße.

Sie trotzten der Angst vor der oft prügelbereiten Polizei, der Passivität der Mehrheit, dem Schneeregen oder den Temperaturen bis zu minus 15 Grad wie in Nowosibirsk und haben einen moralischen Sieg errungen. Die Demonstrationen verliefen friedlich. Ihre Teilnehmer zeigten sich besonnen und vermieden fast alle Revolutionsträumerei. Eine vereinzelte Rauchbombe in Moskau bekam die Putzfrau der Toilettenbüdchen mit ihrem Schrubber unter Kontrolle. Die Polizei wurde nicht gebraucht.

Nach 13 Uhr schwoll am Samstag der Strom der Demonstranten, die aus den nahe liegenden Metro-Stationen kamen, stetig an. Die Stimmung war gelöst. "Oh, wie viel Menschen!", rief ein älterer Mann in der Warteschlange vor den Metalldetektoren, durch die alle zur Kontrolle hindurchgehen mussten. "Solch eine Menge habe ich zuletzt in sowjetischer Zeit beim Fußballspiel von Dynamo Kiew gegen Spartak Moskau gesehen", schwärmte der Protestfan. Eine junge Frau sagte lachend: "Das ist wie am 1. Mai, nur ohne rote Nelken."

Weiß war die Farbe der Stunde: Viele trugen weiße Blumen oder weiße Luftballons in den Händen als Zeichen ihres Protests. Andere hatten "Das Schweigen der Lämmer ist vorbei" auf ihr Banner geschrieben. Einer hielt sogar sein iPad über sich wie eine leuchtende Werbetafel. Darauf stand: "Wir wollen ehrliche Wahlen.“

Vor allem das Internet hat sie zusammengebracht, und manche filmten mit ihren Smartphones das Geschehen, um die Videos abends ins Netz zu stellen. Viele junge Menschen waren in der Menge, Unternehmer zwischen 30 und 40 Jahren und auch Ältere. Manche trugen Designerbrillen oder coole Spitzbärtchen. Es waren Kommunisten, Liberale, Nationalisten, Aktivisten der Autofahrerverbände und Umweltschützer. Sie zeigten keinen Hass. Viele wirkten innerlich überzeugt, als hätten sie ihren Platz im Staat erkannt und demonstrierten nicht nur, weil es plötzlich schick erscheint. Als sich ein Redner als "Privatperson" bezeichnete, riefen Protestierer zurück: "Nicht Privatperson, ein Bürger bist Du!“

Die Menge fühlte sich durch die überlegte Rede des bekannten Schriftstellers Boris Akunin wertgeschätzt und beim volkstribunhaften Auftritt des früheren stellvertretenden Premierministers Boris Nemzow nicht übermäßig mitgerissen. Revolution und Straßenkampf stand nicht auf ihrem Programm. "Putin nach Tschetschenien!“, war einer der schärfsten Slogans.

"Unsere wichtigste Waffe ist das Gefühl der eigenen Würde“, ließ der Blogger Alexej Nawalny in einem Brief aus der Haftzelle verkünden. Für die meisten Demonstranten waren die drei Stunden in der Kälte wie ein Sauerstoff-Cocktail der Solidarität nach der Apathie des vergangenen Jahrzehnts. Wir sind nicht mehr allein, stellten sie fest. Als Forderungen für die nächsten zwei Wochen beschlossen sie: ehrliche und faire Neuwahlen, Befreiung der politischen Gefangenen, Entlassung des Obersten Wahlleiters.

Für die Machthaber ist die Protestbewegung ein Problem . Durch die friedliche Großdemonstration haben sie eine Rechtfertigung für künftige Demonstrationsverbote und Polizeieinsätze eingebüßt. Hartes Vorgehen hätte künftig eher einen Mobilisierungseffekt auf die Opposition, die ungewohnt geschlossen auftrat. Der Kreml musste feststellen, dass er nicht mehr allein die politische Tagesordnung bestimmt. Die staatlichen Fernsehkanäle konnten die Protestierer nicht weiter ignorieren. Angeblich auf Anweisung von Präsident Dmitrij Medwedjews zeigten sie in den Abendnachrichten relativ ausgewogene Reportagen vom "Sumpf-Platz". Die Stärke der Bewegung fand so ihre staatliche Anerkennung.