Zuerst erzitterte die Flagge, dann ruckte sie langsam am Mast nach unten. Der historische Moment wurde ohne Pomp begangen: Präsident Michail Gorbatschow hatte gerade im Fernsehen seinen Rücktritt bekannt geben, da zogen zwei Arbeiter des technischen Dienstes im Kreml die rote Sowjetflagge ein. Es war der 25. Dezember 1991, 19.43 Moskauer Zeit.

Als die Flagge unten angekommen war, wusste einer der Arbeiter nicht recht, was er mit ihr tun sollte. Sie auf den Boden fallen lassen? Nein, das geht nicht. Etwas ungeschickt stopfte er sie unter seine wattierte Arbeitsjacke. Fünf Minuten lang war der Kreml ohne Flagge, dann wehte die russische Trikolore. Die Sowjetunion war tot . Ein neues, demokratisches Russland würde entstehen, schnell und endgültig, dachten viele damals.

Es war ein Irrtum. Das Sowjetische steckte fester in den Köpfen vieler Menschen als gedacht. "Wir waren sehr romantisch”, sagt der frühere Stellvertretende Ministerpräsident und heutige Oppositionelle Boris Nemzow. „Wir haben geglaubt, dass der Weg zur Freiheit und zu einem erfolgreichen Leben viel kürzer würde.“

70 Prozent der Russen misstrauen ihren Mitbürgern

Einer der Gründe für das Scheitern der russischen Demokratie in den neunziger Jahren lag im Mangel an aktiven und verantwortungsbewussten Bürgern. Der Versuch der Bolschewiken, einen neuen Menschen zu schaffen, hatte vielen die Fähigkeit geraubt, sich mit anderen zu organisieren und für das Schicksal des Landes verantwortlich zu fühlen. „Der Terror der Stalin-Zeit war nicht nur ein Schlag für die fähigsten und klügsten Menschen, sondern er griff zugleich die sozialen Beziehungen an“, erklärt der Soziologe Boris Dubin vom Moskauer Lewada-Zentrum. „Wer mit einem Verhafteten bekannt war, riskierte es, denselben Weg zu gehen. Für das Überleben war es besser, keine Bekanntschaften zu haben. Darin liegen die Wurzeln für das Misstrauen der Menschen untereinander und die Abneigung, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren.“ Knapp 70 Prozent der Russen geben heute in Umfragen an, ihren Mitbürgern zu misstrauen.

Also versuchen sie, ihre Probleme allein zu lösen und durch Heuchelei voranzukommen. Die totalitäre Ideologie hat ihnen den Glauben an Ideen und Überzeugungen ausgetrieben. Privilegiert und vielleicht sogar wohlhabend wurde in der sowjetischen Gesellschaft vor allem derjenige, der gute Beziehungen zu den Mächtigen aufbaute.

Noch heute fühlen sich viele Russen nicht in der Lage, aus eigener Kraft ihr Leben zu gestalten und die Verantwortung für ihre Familie zu übernehmen. Sie warten auf den Staat und einen gutmütigen Herrscher. Wahlen nehmen viele als Liebesdienst gegenüber den Mächtigen und zugleich als einzige Chance wahr, ein paar Vorteile zu erlangen: hier eine Rentenerhöhung oder eine Sozialwohnung, da niedrige Brotpreise oder eine metallene Eingangstür für den Wohnblock.