In Moskau sind Zehntausende Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen Ministerpräsident Wladimir Putin und gegen die mutmaßlich manipulierte Parlamentswahl vom 4. Dezember zu protestieren. Auf dem Bolotnaya-Platz kamen laut dem Innenministerium mindestens 28.000 Demonstranten zusammen, die Opposition sprach von 120.000 Menschen. Es waren die größten Anti-Regierungsproteste seit Putins Machtantritt vor mehr als zehn Jahren.

Die Demonstranten schwenkten Plakate, auf denen sie der russischen Führung Betrug bei der Parlamentswahl vorwarfen. In Chören riefen sie "Russland ohne Putin". Einige Demonstranten hielten rote Fahnen der kommunistischen Partei hoch, andere die Flagge des russischen Kaiserreichs, in Schwarz, Gold, Weiß. Dabei soll es auch nationalistische Rufe gegeben haben wie "Russland, vorwärts". Dieser Slogan wurde eigentlich von der kremlfreundlichen Jugendorganisation Nashi nach den Duma-Wahlen verwendet.

Auch in St. Petersburg, in Nowosibirsk und vielen anderen Städten gingen trotz Minustemperaturen und Schnee Tausende Menschen auf die Straße. Dabei kam es bei einzelnen nicht genehmigten Straßenprotesten zu Festnahmen, wie die Agentur Interfax meldete.

Gorbatschow schämt sich für Putins Reaktion

An dem Protest beteiligte sich auch der frühere Finanzminister Alexej Kudrin, der nach seiner Kritik am geplanten Ämtertausch zwischen Präsident Dmitri Medwedjew und Ministerpräsident Putin im September zurücktreten musste. "Es müssen vorgezogene Neuwahlen organisiert werden", forderte er nach Interfax-Angaben.Auch der kremlkritische Blogger Alexej Nawalny demonstrierte in Moskau. "Das nächste Mal bringen wir eine Million Menschen auf die Straßen von Moskau", kündigte Nawalny an.

"Ich sehe genug Menschen, um den Kreml und das Weiße Haus zu besetzen", sagte Nawalny, und wies auf den Sitz des Präsidenten und den der Regierung. "Aber wir sind eine friedliche Kraft, wir werden es nicht tun – noch nicht. Aber wenn die Gauner und Diebe weiter versuchen, uns zu betrügen und zu belügen, dann werden wir nach der Macht greifen."

Andrew Osborn, Korrespondent der britischen Zeitung The Telegraph, glaubt, dass diese Rede sogar Putin nervös machen dürfte. Nawalny drohe offen mit einer Radikalisierung der Proteste, falls die Opposition ignoriert werde.