An diesem Donnerstag vor zwanzig Jahren trafen sich drei Männer auf einer verschneiten Datscha bei Brest in Weißrussland. Es waren der Russe Boris Jelzin , der Ukrainer Leonid Krawtschuk und der Weißrusse Stanislaw Schuschkjewitsch. In aller Eile verurteilte das Trio das ausgedehnteste Imperium der Erde zu einem ruhmlosen Ende. "Wir stellen fest", so begann die Vereinbarung der drei Präsidenten, "dass die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität zu bestehen aufhört. " Am Vormittag des 12. Dezember 1991 sollte das russische Parlament die Entscheidung bestätigen.

Ich verbrachte die letzte Nacht der Sowjetunion im Waggon Nr. 13 des Zuges Nr. 3 von Moskau nach Kiew. Mein russischer Kollege Alexej verriegelte das Abteil doppelt, beide stopften wir unser Geld unters Hemd. Um 4.15 Uhr ließ uns ein schwacher Lichtschein, der ins Abteil drang, schlaftrunken hochfahren. Alexej sah eine Hand, die von der halbgeöffneten Tür in sein Jackett auf dem Bügel glitt. "Stoj!" schrie er. Doch da waren die Eindringlinge schon in der Düsternis des nächsten Waggons verschwunden – und mit ihnen Reisepässe, Dauervisa, Adressbücher.

Es war eine fahrplanmäßige Aktion: Denn in diesem Moment bremste der Zug auf der letzten Station vor der Ukraine, im russischen Brjansk, dessen Bahnsteige auch nachts belebt genug sind, um schnell untertauchen zu können.

Die Schaffnerin Olga Ostapjenko bequemte sich erst ein gutes Stück nach der Weiterfahrt zu uns. Für sie war der Vorfall so selbstverständlich, als gehörten die Diebe zum Zug oder zur Familie. "Wahrscheinlich haben Sie bei noch offener Tür Russisch mit deutschem Akzent gesprochen", deutete sie auf mich und zuckte mit den Achseln. Der Zugführer strich sich morgens, am Ende der Reise, melancholisch über sein Menjoubärtchen. Ja, ja, so sei das, er selbst könne die Abteile auch sehr leicht von außen entsichern.

"Lassen Sie sich von den Russen helfen"

Im grauen Kiewer Bahnhof angekommen schoben wir uns zwischen schlafenden Soldaten, bepackten Familienkarawanen, Kaukasier-Clans, fliegenden Händlern mit lärmenden Computerspielen und staunenden Bauersfrauen hindurch zur goldgetönten, noch immer stadteinwärts weisenden Riesenstatue Lenins. Hinter seinem Rücken, in einer dunklen Ecke, sah die Bahnhofsmiliz in trüben Katakomben nach dem Rechten. Der schnauzbärtige Milizionär schaute nach zehn Minuten zu uns auf. "Bei Brjansk ist das passiert? Melden Sie es dort bei der russischen Miliz!" Nur ein Protokoll aufnehmen? "Dann fahren Sie nach Brjansk, basta."

Dringende Termine in Kiew? "Dann steigen Sie auf der Rückreise in Brjansk aus." Ohne Pässe in der Ukraine? "Dann lassen Sie sich von den Russen helfen!" Ich verlor die Geduld: "Mit Leuten wie Ihnen wird die Ukraine nie nach Europa kommen und zur asiatischen Steppe verdorren!" Das half. Ein anderer Milizoffizier winkte uns verständnisvoll zur Seite. Er bot einen Abstellraum für das Gepäck an, ließ einen Unteroffizier kommen und beauftragte ihn, uns zu einer nahen Kriminalwache in der Stadt zu geleiten.

Dort wurde unser Fall ausführlich und bevorzugt behandelt. Auf einem großen Wandkalender warb eine Blondine im Polarfuchs weiter für die "Staatsversicherung der UdSSR". Doch aus dem Radio drang die neue Wirklichkeit dröhnend durch die Wachstube. Der Rundfunk übertrug die Debatte des russischen Parlaments live: das überwältigende Votum für die Liquidierung der Sowjetunion, den abgrundtiefen Bass des machthungrigen Boris Jelzin

Die Kriminalbeamten ließen den neuen Dreierbund aus Russland, der Ukraine und Weißrussland hochleben. Wir erhielten, nebst einem Gläschen Wodka, Ersatzpapiere für ein nicht mehr existierendes Land. Und den kleinen Dieben der Nacht folgte von nun an der große Raub am Vermögen des verblichenen Staates.