Armee-Kommandeure haben nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) den Befehl erteilt, Demonstranten mit "allen erforderlichen Mitteln" aufzuhalten. Ein Scharfschütze in der Stadt Homs sagte, er hätte eine Quote erhalten, wie viele Menschen bei Protesten sterben sollten. "Bei 5.000 Demonstranten war die Vorgabe beispielsweise 15 bis 20 Menschen." Ein Mitglied einer Spezialeinheit zitierte aus den Anweisungen für seine Brigade: "Benutzen Sie so viele Kugeln, wie Sie wollen." HRW hatte desertierte Soldaten und frühere Angehörige der Geheimdienste interviewt.

Den Angaben zufolge kamen die Anweisungen direkt von Präsident Baschar al-Assad: Mehrere abtrünnige Soldaten sagten aus, ihre Vorgesetzten hätten ihnen berichtet, direkte Befehle des Staatschefs erhalten zu haben. So kam der Befehl für einen Angriff auf die Stadt Rastan nach Aussage eines Brigadekommandeurs von Assad. Dieser hatte in der vergangenen Woche erneut bestritten, Anweisungen zur Tötung von Zivilisten erteilt zu haben. Er hat Fehler eingeräumt, sieht die meisten Toten aber bei seinen Streitkräften, die Opfer "bewaffneter Terroristen" seien. Ein Vertreter des Außenministeriums sagte zudem, die Sicherheitskräfte seien instruiert worden, auf scharfe Munition zu verzichten.

Die Aussagen der Soldaten in dem HRW-Bericht widersprachen dieser Darstellung. Ein halbes Dutzend Deserteure hätte angegeben, direkte Anweisungen von Vorgesetzten erhalten zu haben, auf Demonstranten und Umstehende zu schießen. Ihnen sei Straffreiheit zugesichert worden. "Unser allgemeiner Befehl lautete zu töten, Geschäfte zu zerstören, Autos zu zertrümmern und Menschen festzunehmen", wurde ein früherer Soldat der fünften Division zitiert. Laut HRW wurden die Truppen zudem angewiesen, Festgenommene zu schlagen und zu foltern.

Kämpfe zwischen Soldaten und Deserteuren

Inzwischen gibt es immer wieder Kämpfe zwischen bewaffneten Oppositionellen und den syrischen Streitkräften. Deserteure der syrischen Armee haben nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mindestens 27 Soldaten und Einsatzkräfte getötet. Wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, gab es am Morgen in der südlichen Provinz Daraa an drei verschiedenen Kontrollposten Schießereien.

Seit Beginn der Proteste Mitte März wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 5.000 Menschen getötet, unter ihnen mehr als 300 Kinder. Menschenrechtler werfen der Regierung in Damaskus Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor und verlangen, dass der UN-Sicherheitsrat den Fall an den Internationalen Strafgerichtshof weitergibt.