Kurz vor dem Eintreffen der ersten arabischen Beobachter in Syrien sollen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad erneut zahlreiche Regimegegner angegriffen haben. Mehr als 280 Menschen seien seit Montag getötet worden, davon allein 227 Deserteure in der Provinz Idlib, berichteten Menschenrechtsaktivisten. Die Getöteten hätten zur sogenannten Freien Syrischen Armee gehört. Eine unabhängige Bestätigung für diese Angaben gibt es wegen der Medienblockade nicht.

Die Streitkräfte hätten Artilleriegeschütze gegen die Deserteure eingesetzt, die sich in den Ortschaften Dschabal al-Sawija und Chan Scheichun verschanzt hätten, hieß es. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, in Idlib seien bei Gefechten zwischen der Armee und "terroristischen Gruppen" mehrere Menschen getötet worden. In den Reihen der Armee habe es keine Opfer gegeben.

Am Montag seien zudem 42 Zivilisten getötet worden, teilten die Aktivisten mit. Am Dienstag gab es nach ihren Informationen 14 weitere zivile Opfer. Aktivisten berichteten zudem von willkürlichen Festnahmen in mehreren Universitäten sowie im Al-Midan-Viertel in Damaskus. Ein verletzter Zivilist, der am Sonntag von Dschabal al-Sawija aus in die Türkei geflüchtet war, sagte der Nachrichtenagentur dpa am Telefon, die Lage in seiner Heimatstadt seit fürchterlich. Zahlreiche Häuser seien von der Armee zerstört worden.

Nach Angaben syrischer Oppositioneller hatten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Soldaten von ihren Einheiten abgesetzt. In der Provinz Deir as-Saur sollen diese Woche mehrere Soldaten mit schweren Waffen desertiert sein. "Wir waren selbst überrascht, zu sehen, wie viele Soldaten jetzt desertiert sind", sagte ein Sprecher des sogenannten Revolutionskomitees.

Assad droht Waffenlieferanten mit der Todesstrafe

Präsident Assad beschloss harte Strafen für Waffenschmuggler. In dem Dekret des Präsidenten heißt es, wer Waffen ins Land bringe, mit Waffen handele oder diese terroristischen Vereinigungen zur Verfügung stelle, werde ab sofort mit Haftstrafen zwischen 15 Jahren und lebenslänglich bestraft. Bei Waffenlieferungen im großen Stil drohe die Todesstrafe. Das Dekret wurde von der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana veröffentlicht.

Die Arabische Liga will nach Angaben von Diplomaten an diesem Donnerstag ein erstes Vorab-Team nach Damaskus schicken. Dieses soll die Entsendung von Beobachtern vorbereiten, die einige Tage später folgen. Bei der Liga in Kairo hieß es, die Anwesenheit der Beobachter werde den Schutz der Zivilbevölkerung garantieren. Sie sollen rund 100 Krisengebiete besuchen. Ihr Einsatz ist zunächst auf einen Monat befristet, kann aber verlängert werden.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: "Die Gewalt muss sofort beendet, das Militär abgezogen, die politischen Gefangenen freigelassen und nicht zuletzt ungehinderter humanitärer Zugang gewährt werden." Die syrische Führung habe nun zwar ein Protokoll der Arabischen Liga über die Entsendung von Beobachtern unterzeichnet, man müsse die Führung in Damaskus jedoch nicht an ihren Worten messen, sondern an ihren Taten. "Nicht zum ersten Mal hat Syrien Zusagen gemacht und wieder gebrochen", sagte Westerwelle.

Die UN-Vollversammlung hatte Syrien wegen der Gewalt gegen Demonstranten am Montag mit überwältigender Mehrheit zurechtgewiesen. 133 UN-Mitgliedsstaaten verurteilten die "schweren und systematischen Menschenrechtsverstöße durch die syrische Obrigkeit". Seit Beginn der Proteste im März haben regimetreue Sicherheitskräfte nach UN-Angaben mehr als 5.000 Zivilisten getötet.