In einer der beeindruckendsten Szenen des Fellini-Films Amarcord stechen die Einwohner eines Dorfes an der Adriaküste mit ihren Fischerbooten ins Meer. Sie wollen das Kreuzfahrtschiff Rex aus der Nähe sehen. Langsam tritt aus dem Nebel die riesige Silhouette des Schiffes hervor und verschwindet bald darauf, umweht von Luxus und Opulenz, wieder in der Nacht.

Als die Costa Concordia im August 2011 schon einmal direkt an der Küste der Insel Giglio vorbeifuhr, waren die Einwohner ebenso begeistert wie in Fellinis Meisterwerk. Der Bürgermeister bedankte sich sogar bei der Reederei für die Begrüßung und wünschte sich, dass die Passage der Schiffe bald zur Tradition werde. Er bedauert diese Worte inzwischen.

Das Schiff und die Insel sind Opfer des heftiger werdenden Konkurrenzkampfes um die Meerestouristen geworden. Fast jeder kann sich inzwischen eine Kreuzfahrt leisten, und gerade deswegen wird die Welt der Kreuzfahrtschiffe von den Reedereien noch immer als Traumwelt vermarktet. Ein Slogan der Reederei Costa lautete: "Wer eine Costa-Kreuzfahrt ausprobiert hat, kann nicht einfach zurück ins normale Leben." Werbung will Neid erwecken. Es gibt keine bessere Werbekampagne, als den Unglücklichen, die an Land geblieben sind, einen flüchtigen Blick in diese Traumwelt zu erlauben.

Darum posieren die Schiffe wenige Hundert Meter von der Küste entfernt wie Models auf dem Laufsteg. Auch an Land kommen die Manöver gut an, Gefahren sah darin bisher kaum jemand. Auch dem Journalisten Luciano Castro, der zufällig an Bord des Schiffes war, erschien eine Katastrophe undenkbar. "Diese Schiffe sind schwimmende Städte, bunt und leuchtend. Wer kann annehmen, dass auf ihnen irgendetwas schief gehen kann?"

Was für Anwohner und Passagiere eine willkommene Ablenkung, ist für Kapitäne und Mannschaften ein Geschicklichkeitstest. Die Tageszeitung Corriere della Sera vermutet, dass der  Kapitän Francesco Schettino ein solches Bravourstück versuchte und dabei das Schiff gegen die Felsen fuhr. Kurz vor dem Desaster soll er dem Schiffs-Maitre Antonello Tievoli, der aus Giglio stammt, auf die Brücke bestellt haben. "Schau mal deine Insel an", soll er gesagt haben. Als Tievoli aus dem Fenster blickte, japste er nach Luft: "Achtung! Wir sind viel zu nah an den Felsen ", sagte er. Kurz darauf zerschnitt das brutale Getöse berstenden Stahls die Abendluft an Deck.

Schettino ist kein Neuling. Er fing seine Karriere bei Costa ausgerechnet als Sicherheitsoffizier an. Kapitän ist er seit 2006, die Strecke kennt er gut. "Unsere Schiffe", sagt der Costa-Chef Pier Luigi Foschi, "durchqueren die Meeresstrecke vor dem Giglio mindestens hundert Mal im Jahr".

Wie kann es sein, dass Schettino alle Vorsichtsmaßnahmen einfach über Bord warf und das Schiff so nah an die Küste brachte? Die Küstenannäherung der Costa Concordia im August soll in Absprache mit der Küstenwache stattgefunden haben. Ob Schettino dem Kunststück des damaligen Kapitäns ohne Genehmigung nacheiferte?

Dass das Schiff an der Insel vorbeifahren sollte, war zumindest nicht nur dem Kapitan bekannt. Um 21.08 Uhr schrieb die Schwester von Tievoli auf Facebook : "Die Concordia wird bald sehr nah an uns vorbei fahren". Weniger als eine halbe Stunde später bebte das Schiff.

Unbekannt war die Gefahr jedenfalls nicht. Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni warnte schon im vergangenen Dezember vor der Gefahr durch Kreuzfahrtschiffe in PR-trächtiger Küstennähe. In seiner Stadt ist der Anblick von Touristentankern hinter dem Kirchenturm von San Marco keine Seltenheit. "Wir müssen mit den Reedereien über die Durchfahrt dieser Monster durch die Lagune dringend diskutieren", sagte Orsoni damals. "Sie stellen eine Gefahr sowohl für die Umwelt als auch für die Stadt dar."

Geschehen ist nichts. Erst nach der Katastrophe forderte Umweltminister Corrado Clini , dass die Regeln, die die Kurse der Kreuzfahrtschiffe bestimmen, möglichst schnell geändert werden müssten. Doch Costa bestreitet, dass das Unglück absehbar war. "Die Kurse sind absolut sicher und sie werden durchgehend durch Satelliten überprüft", sagt Foschi. "Weicht ein Schiff von dem vorgegebenen Kurs ab, aktiviert sich ein Alarm." Ob Schettino den Alarm gehört hat? "An Bord ist der Kapitän der absolute Herrscher", sagt Mario Palombo, ein pensionierter Costa-Kapitän, "Er ist der Einzige, der den Kurs bestimmt."

Anmerkung: Der Bürgermeister von Venedig, Giorgio Orsoni, wurde ursprünglich im Text falsch zitiert. Wir bedanken uns bei unseren Lesern, die auf den Fehler hingewiesen haben.