ZEIT ONLINE: Sieht man in Nordkorea nach dem Tod Kim Jong Ils schon Zeichen einer politischen Wende?

Victor Cha: Merkwürdigerweise ist die Ideologie der neuen Staatsführung noch radikaler als zu Kim Jong Ils Zeiten. Langfristig wird das aber nicht durchzuhalten sein. Der Hauptgrund dafür ist, dass es den Koreanern im Moment sehr schlecht geht. Je ärmer sie werden, desto öfter nutzen sie den Schwarzmarkt. Und durch den Schwarzmarkt werden sie mit den Denkstrukturen des Kapitalismus vertraut. Wenn die Staatsführung dieses Phänomen nicht rechtzeitig wahrnimmt, wird es zu heftigen sozialen Unruhen kommen. Spätestens seit der großen Hungernot der neunziger Jahre wissen wir, dass das Distributionssystem nicht funktioniert. Der Staat hat die Bürger schon seit Langem im Stich gelassen.

ZEIT ONLINE: Aber bis jetzt hat sich nichts getan.

Cha: Wir müssen versuchen, die Wendepunkte in der Weltgeschichte rechtzeitig zu erkennen. Normalerweise sind Historiker und Politikwissenschaftler immer zu spät. Keiner konnte zum Beispiel den arabischen Frühling vorhersagen. Der Tod Kim Jong Ils wird auf jeden Fall zu einem Wendepunkt führen.

ZEIT ONLINE: Was können Südkorea , die USA oder China tun, um Veränderungen in Nordkorea zu befördern?

Cha: Im Moment müssen wir abwarten. Vor allem, weil wir nicht wissen, was im Moment in Nordkorea passiert. Bis jetzt dachten wir, dass Diplomatie immer der beste Weg ist, um Fortschritte zu erzielen. Das war jedoch unter Kim Jong Il. Wir wissen nicht, wie sein Nachfolger Kim Jong Un tickt. Jene Länder, die sich gerade mit dem nordkoreanischen Problem beschäftigen, könnten aber untereinander eine Strategie ausarbeiten, um sich auf einen Zusammenbruch des Regimes vorzubereiten.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle wird China im Fall eines Zusammenbruchs spielen?

Cha: Notwendigerweise eine sehr wichtige Rolle: China hat diplomatische Gesandte im Land und Kontakte mit hochrangigen Vertretern der Regierung, der Partei und des Militärs. Ob die Informationen, über die die Chinesen verfügen, korrekt sind, wissen wir nicht. Sie könnten ihr Insider-Wissen als Hebel in den internationalen Verhandlungen nutzen. Was die Chinesen offensichtlich nicht wollen, ist ein einiges Korea mit einer starken Verbindung zu den USA direkt an ihren Grenzen.

ZEIT ONLINE: Im August noch trafen sich Kim Jong Il und der russische Präsident Dmitrij Medwedjew in Ulan Ude. Will Russland eine Rolle im Post-Kim-Szenario spielen?

Cha: Es war immer Putins Ziel, die Beziehungen zwischen Nordkorea und Russland zu stärken. Über zehn Jahre lang hatten die zwei Länder nichts miteinander zu tun. Jetzt scheint Russland wieder an Nordkorea interessiert zu sein, vor allem wegen der transsibirischen Eisenbahn und der Pipeline, die das russische Gas nach Südkorea bringen soll. Sollte Russland Nordkorea mit Gas versorgen, wäre das eine clevere Alternative zur Kernkraft. Ich glaube, dass nicht mal China so glücklich darüber wäre, hätte Nordkorea Atomkraftwerke.

ZEIT ONLINE: Was können Südkorea, die USA und China im Fall eines Regime-Zusammenbruchs tun?

Cha: Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde jedes Land, das im Moment eine Rolle in den Verhandlungen spielt, vor allem die eigenen Interessen vertreten. China würde sich um die Frage der Grenzen und der Flüchtlinge kümmern. Südkorea würde im Gegenteil gleich die interne Stabilität im Blick haben. Für die USA ginge es nur um die Sicherstellung der Atomwaffen. Wir würden gerne solche Szenarien mit China besprechen, dafür gibt es aber zu wenig gegenseitiges Vertrauen.

 "Einen Machtverlust der Kims würden wir spät erfahren"

ZEIT ONLINE: Was geschieht, wenn das Regime nicht stürzt?

Cha: Dann muss man hoffen, dass das Militär die Macht übernimmt. Kim Jong Un ist noch ziemlich jung, sehr bald wird er Entscheidungen treffen müssen und dabei sicher Fehler machen. Es ist daher einfacher, es mit einer Militärdiktatur zu tun zu haben, als mit einem Staat, der auf einem Personenkult fußt. Die Generäle könnten dringende Wirtschaftsreformen einführen, die bislang von der Kim-Familie strikt abgelehnt werden. Die Lage in einem Land muss schon ziemlich krass sein, wenn man sagen muss: "Besser eine Militärdiktatur!"

ZEIT ONLINE: Könnte es zu einem Machtkampf innerhalb der Führungsriege kommen?

Cha: Ja. Eine Figur, die man in diesem Zusammenhang auf keinem Fall unterschätzen darf, ist Kim Jong Ils jüngere Schwester Kim Kyong-hui, das einzige Familienmitglied aus Kims engerem Kreis, das noch eine wichtige Rolle in der Politik spielt. Sie ist der Link zwischen Kim Jong Un und seinem Onkel Chang Sung-taek, dem Chef der Arbeiterpartei. Sollte ihr etwas passieren, würden die zwei Pfeiler des Staates, die Partei und die Kim-Familie keine Verbindung mehr haben.

Sollte es aber tatsächlich zu einem Machtverlust der Kims kommen, würden wir wohl sehr spät davon erfahren. Keiner in der Regierung tritt einfach vor und sagt: "Ich bin dagegen." Man wird das eher an der Lage in den Grenzregionen spüren. Sollten zum Beispiel die Regionalregierungen beginnen, eine eigene Politik zu betreiben, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass sie keine Richtlinien mehr aus Pjöngjang bekommen.

ZEIT ONLINE: Angeblich hat Kim Jong Il nach der Verschlechterung seiner Gesundheitslage 2009 die Machtübergabe sehr sorgfältig geplant.

Cha: Selbst wenn er das getan hat, ist es unwahrscheinlich, dass seine Pläne über den hundertsten Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung am 15. April hinausgehen. Ich würde sehr genau hinschauen, was ab dem Tag in Nordkorea geschieht. Die Regierung hat inzwischen sehr viel getan, um das Image von Kim Jong Un zu stärken. Plötzlich heißt es, dass er der Stratege ist, der alle Militäraktionen der letzten Jahre, alle Provokationen geplant hat. Wäre das mehr als eine Propagandalüge, gäbe es aber noch mehr Gründe, sich Sorgen zu machen.

ZEIT ONLINE: Wie würden die Nordkoreaner auf eine Wende reagieren?

Cha: Sie wären schockiert, wenn sie zum ersten Mal die Welt auf der anderen Seite der Grenze sehen. Obwohl sie durch China schon den Eindruck haben müssen, dass es anderen Ländern besser geht, glaube ich, dass sich keiner richtig vorstellen kann, wie zurückgeblieben ihr Land ist. Wenn man sich Nordkorea heute anschaut, sieht man, was Südkorea in den sechziger Jahren noch war. Das ganze Leben der Nordkoreaner wird nur von einem Gedanken beherrscht: dem Dienst an dem Geliebten Führer. Wenn ihnen plötzlich ihr Fundament genommen wird, gäbe es in ihrem Leben plötzlich ein riesiges Vakuum.

ZEIT ONLINE: Bei der Ausarbeitung verschiedener Szenarien für die Wiedervereinigung Koreas hat das Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) das deutsche Beispiel angeführt. Was sind die wichtigsten Lehren aus der deutschen Wende?

Cha: Die Wiedervereinigung Koreas wird wesentlich schwieriger sein als die Deutschlands. Die Unterschiede zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen sind im Fall Koreas viel größer. Das deutsche Beispiel hat uns sehr pragmatische Sachen beigebracht, vom Übergang zur gemeinsamen Währung bis hin zur Aufrechterhaltung mancher Verwaltungsapparate. Der Punkt ist aber: Die DDR hatte immer Kontakte mit West-Deutschland und mit dem Rest der Welt, Nordkorea nicht. Das sieht man schon am Beispiel der nordkoreanischen Flüchtlinge, die nach Südkorea ziehen. Sie kommen dort nur selten klar. Sie schaffen keinen Schulabschluss, keinen normalen Einstieg in die Berufswelt und haben eine unglaublich hohe Depressions- und Selbstmordrate.

Der Tag, an dem die Grenze fallen wird, wird für Korea der Tag sein, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts endet.