In den Köpfen der Franzosen war Hollande bis vor wenigen Monaten vor allem als ehemaliger Parteivorsitzender verankert, unter dem die Sozialisten in die Bedeutungslosigkeit drifteten. "Flamby" nannten sie ihn respektlos. So heißt in Frankreich ein Wackelpudding mit Karamellgeschmack, der Ähnlichkeit mit Hollandes Hüftpartie haben soll. Sogar Parteifreunde lästerten über den Mann, der sich selbst für keinen außergewöhnlichen Menschen hält und nie ein Ministeramt innehatte.

Doch das scheint nun vergessen. Laut jüngsten Meinungsumfragen könnte Hollande im ersten Wahlgang am 22. April Sarkozy mit 28 gegen 23 Prozent übertrumpfen. Vielleicht wollen die Franzosen ja lieber einen Langweiler, der weniger von sich selbst reden macht, aber etwas auf dem Kasten hat. Und das kann Hollande niemand abstreiten. Er absolvierte gleich drei der Pariser Eliteuniversitäten: Die Sciences Po, die Handelsschule HEC und die Verwaltungshochschule ENA. Schon als 20-Jähriger gehörte er zum Wahlkampf-Team von François Mitterrand , der ihn nach seinem Sieg 1981 zu seinem Wirtschaftsberater machte.

Diskussionsstoff mit Merkel: Wachstumspakt und Euro-Bonds

In Berlin dürfte mit Spannung erwartet werden, wie sich Hollande die neue Ausgestaltung des 1963 geschlossenen Elysée-Vertrags zwischen Deutschland und Frankreich vorstellt. Sollte er als Sieger der beiden Wahlgänge am 22. April und 6. Mai hervorgehen, will er als erstes Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchen. Seine Forderungen nach einem Wachstumspakt für die Europäische Union sowie nach Euro-Bonds deuten jedenfalls schon einmal auf harte Debatten hin. Auch die Ankündigung, die französischen Truppen unverzüglich aus Afghanistan abzuziehen, dürfte auf wenig Gegenliebe stoßen.

Positiv dagegen könnte ankommen, dass Hollande Frankreichs ältestes Atomkraftwerk in Fessenheim aufgeben will. Überhaupt ist sein Ziel, die Abhängigkeit der französischen Stromversorgung von der Kernkraft von derzeit 75 auf 50 Prozent zu reduzieren. Wie er das bewerkstelligen will, blieb zunächst allerdings unklar.

"Ein Programm der Haut-Couture" urteilte der Europa-Abgeordnete der Grünen , Daniel Cohn-Bendit , in einer ersten Reaktion. Auch wenn es an ökologischen Maßnahmen mangele, seien in den Vorschlägen doch "positive Reformen" enthalten. Der linksgerichteten Internetzeitung "Rue 89" fehlten insbesondere noch Aussagen über eine Anhebung des Mindestlohns. Und die Chefs kleiner Unternehmen, die Hollande besonders fördern will, bleiben vorerst skeptisch: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop würden 37 Prozent von ihnen Sarkozy ihre Stimme geben. Hollande kommt dagegen nur auf eine Zustimmung von 21 Prozent.

Damit schneidet Sarkozy im Urteil der Wirtschaft besser ab als bei den Franzosen insgesamt. Der Präsident hat bisher seine erneute Kandidatur nicht offiziell erklärt. Vor wenigen Tagen ließ er bereits erkennen, dass auch die Vorstellung, sich aufs Altenteil zurückzuziehen, für ihn einen Reiz haben könnte.