Geschmacklose Provokationen gegen den Euro

"Ich hasse die Deutschen: Arrogante Besserwisser! Und ich hasse die Italiener: Diese lauten Angeber! Vor allem aber... hasse ich Pauschalisierungen", schrieb am vergangenen Freitag ein italienischer Twitter-User.
Auslöser des Frust-Tweets war eine Polemik, die die ewige Hass-Liebe zwischen Deutschland und Italien gerade wieder hat aufflammen lassen. Diesmal wurde sie vom Spiegel -Autor Jan Fleischhauer geschürt und daraufhin vom Chefredakteur der italienischen Tageszeitung Il Giornale Alessandro Sallusti zu abscheulichen Extremen geführt.

"Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der Costa Concordia ein Italiener ist?", schrieb Fleischhauer in seiner Kolumne unter dem Titel "Italienische Fahrerflucht" . "Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?" Schaut man genauer hin, merkt man, dass es dem Autor gar nicht um das Kreuzfahrt-Unglück geht, sondern um etwas ganz anderes: den vermutlichen "Geburtsfehler" des Euro.

Zwar schreibt Fleischhauer, dass es "unkorrekt" sei, den Unglückskapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino, als Musterbeispiel des Durchschnittsitalieners zu nehmen. Jedoch, führt er fort, seien Stereotypen meistens dafür da, die Welt in der wir leben besser zu verstehen. Die Währungskrise zeige uns zum Beispiel, "was passieren kann, wenn man aus politischen Gründen von der Psychologie der Völker absieht." Der Geburtsfehler des Euro war, nach Fleischhauers Meinung, "sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu sperren". Womit dann alles gesagt wäre.

Schock-Titel "Wir haben Schettino, ihr habt Auschwitz"

Fleischhauer ist sicher nicht der Einzige, der zurzeit in Deutschland diese Meinung vertritt. Er ist auch nicht der Einzige, der behauptet, jenseits linker Gleichmacherei endlich mal Klartext zu reden. Eigentlich ist er in guter Gesellschaft. Und nicht nur in Deutschland. Dasselbe behauptet zum Beispiel Alessando Sallusti, Chefredakteur der Tageszeitung der Berlusconi-Familie Il Giornale .

Zwei Tage nach Fleischhauers Artikel machte Il Giornale mit dem Schock-Titel "Wir haben Schettino, ihr habt Auschwitz" auf . "Die Wochenzeitung Der Spiegel ", schreibt Sallusti im Leitartikel, "wirft den Italienern vor, feige zu sein. Sie seien außerdem keine Rasse. Die Deutschen sind das aber wohl. Und sie haben es bewiesen. Mit Hitler ."

Mit einem derartigen Titel am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz aufzumachen ist einfach gruselig. Sallusti ist kein unerfahrener Journalist. Hinter der geschmacklosen Provokation steckt politisches Kalkül.
In den vergangenen Wochen ist in Italien der Unmut gegen Montis Reformprogramm heftig gewachsen. Gleichzeitig gewinnt die populistische Bewegung, die Europa und vor allem Deutschland für Italiens Misere verantwortlich macht, immer mehr Zustimmung.

Vor wenigen Tagen forderte die Lega Nord Berlusconi auf, endlich mal "den Stecker zu ziehen" und Montis Regierung zu stürzen. Berlusconi antwortete den ehemaligen Regierungspartnern, dass es "verantwortungslos" sei, in dieser Phase die Regierung zu stürzen. Käme es zu Neuwahlen, wäre nämlich seine Partei PDL den Umfragen zufolge zur Niederlage verdammt.

Fleischhauer und Sallusti spielen im selben Team

Die Unterstützung der Monti Regierung hilft allerdings wenig, mehr Popularität zu gewinnen. "Berlusconi zögert zurzeit zwischen einer widerwilligen Regierungstreue und der Versuchung, den populistischen Instinkten seiner Partei zu folgen", sagt der Chefredakteur von La Repubblica Ezio Mauro.

Die Lösung ist einfach: Während der Chef den treuen Europäer mimt, schüren seine Presseorgane anti-europäische Ressentiments. Als zum Beispiel vor einem Monat bekannt wurde, dass Angela Merkel Berlusconis Rücktritt befürwortet hatte, machte Il Giornale mit dem Titel "Es war die Fettärschige!" auf. Die PDL-affine Tageszeitung Libero veröffentlichte außerdem vor wenigen Tagen eine Karikatur, in der die Bundeskanzlerin wie Schettino ein versinkendes Europa mit einem Ruderboot verlässt.

Schaut man also genauer hin, sieht man, dass Fleischhauer und Sallusti im selben Team spielen. Die EU als Kulturen- und Interessengemeinschaft, sagen sie, sei gescheitert. Doch ausgerechnet in derselben Woche, in der die beiden ihre Provokation lancierten, erschien in sechs europäischen Tageszeitungen unter dem Titel "Nur die Kultur verbindet uns" ein Interview mit dem italienischen Schriftsteller Umberto Eco . "Wir dürfen angesichts der Schuldenkrise nicht vergessen, dass uns außer den Kriegen nur die Kultur verbindet", sagt Eco darin. Es habe absolute Priorität – erklärt weiter der Professor aus Alessandria – in diesem Moment die europäische Identität zu stärken. Dafür könnte man zum Beispiel wichtige Figuren der gemeinsamen Kulturgeschichte auf die Euro-Scheine drucken: Thomas Mann , Roberto Rossellini , Claude Chabrol . Sicher nicht Adolf Hitler. Oder Francesco Schettino.