US-Präsident Barack Obama treibt mit der Auswechselung seines Stabschefs nach Einschätzung von Experten eine neue, mehr auf Konfrontation ausgerichtete Wahlkampfstrategie voran. Zehn Monate vor der Präsidentenwahl gab Obama den Rücktritt seines, in den eigenen Reihen in die Kritik geratenen, engsten Vertrauten Bill Daley bekannt, der nur ein Jahr im Amt war.

Nachfolger soll der bisherige Haushaltschef Jacob Lew werden. Der 56-Jährige genießt bei den Demokraten in Washington deutlich höheres Ansehen als Daley, dem viele in der Partei zu enge Beziehungen zur freien Wirtschaft und eine zu schwache Gangart gegen die Republikaner vorwerfen. Das soll sich nun ändern.

Jacob Lew war schon unter Präsident Bill Clinton Haushaltsdirektor und zeitweise ein Stellvertreter von Außenministerin Hillary Clinton . Er ist unter den Demokraten und in Washington allgemein deutlich besser vernetzt als Daley. Außerdem gilt er als eingefleischter Liberaler, der seine Karriere in Washington als Mitarbeiter von Tip O'Neill begann, einer Ikone der Demokraten in den USA .

Lew gehört zum Establishment der Wall Street

"Man kann sich praktisch nicht vorstellen, dass er die gleichen Fehler macht wie sein Vorgänger", sagt ein hochrangiger demokratischer Kongressmitarbeiter. Auch gilt Lew als ruhig und überlegt, was gut zu Obamas Image aus dem Wahlkampf von 2008 passen würde. "No Drama Obama" wurde damals zum geflügelten Begriff, der die unaufgeregte Art des späteren Wahlsiegers hervorhob.

Ob Lew allerdings glaubhaft die Anliegen der US-amerikanischen Mittelklasse in Obamas Wahlkampfstrategie integrieren kann, ist umstritten, denn Lew selbst gehört zum Finanzestablishment der Wall Street. In den Jahren vor der Krise war er ausgerechnet für eine Abteilung der US-Großbank Citigroup tätig, die auf den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes gewettet haben soll, berichtet das politische Magazin The Atlantic .

Auch einer stärkeren Regulierung des Finanzmarktes steht er offenbar kritisch gegenüber. Gefragt über die Ursachen der Finanzkrise sagte Lew bei einer Podiumsdiskussion nach Angaben der Huffington Post : "Ich persönlich weiß nicht, in welchem Ausmaß die Deregulierung dies vorangetrieben hat. Aber ich glaube nicht, dass eine Deregulierung die unmittelbare Ursache war." Gerade für die finanzkritische Occupy-Bewegung dürften solche Äußerungen abschreckend wirken.