Vor einigen Monaten haben wir mit dem syrischen StudentenMuhammad über die Demonstrationen in seinem Land gesprochen. Nun haben wir ihn erneut befragt. Der Kontaktmit Regimegegnern in Syrien ist heikel, weil der syrische Staat Telefon- und Internetverbindungen in weiten Teilen überwacht. Möglich war das Interview mit Muhammad deshalb nur über die Internetaktivistengruppe Telecomix , die dem Studenten technische Unterstützung gibt, mit der er sicher per E-Mail kommunizieren kann.

ZEIT ONLINE: Vor einigen Monaten hatten Sie im Interview mit uns die Hoffnung geäußert , dass die Proteste in ihrem Land etwas verändern können. Dass sie am Ende sogar das Assad-Regime stürzen könnten. Sind Sie davon weiterhin überzeugt?

Muhammad: Ich habe immer noch diese große Hoffnung, dass die Proteste in Syrien wirklich etwas verändern. Wir wären ohne die friedlichen Demonstrationen niemals so weit gekommen, wie wir jetzt sind. Die Entscheidung liegt immer noch in den Händen der beiden größten Städte: Damaskus und Aleppo . Und ich sage Ihnen: Ja, Syrien hat sich bereits für immer verändert.

ZEIT ONLINE: Ist die Unterstützung für die Proteste gegen das Regime nach Ihren Beobachtungen in den vergangenen Monaten gewachsen?

Muhammad: Ich kann mit Überzeugung bestätigen, dass nicht mehr als 15 Prozent der Bevölkerung das Regime noch unterstützen. Mehr als 85 Prozent haben sich von ihm abgewandt.

ZEIT ONLINE: Ist die revolutionäre Bewegung noch weitgehend auf die gebildeten Schichten beschränkt ?

Muhammad: Sie ist nicht nur auf die gebildeten Kreise der Gesellschaft beschränkt. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben: In meiner Heimatstadt Aleppo konzentrieren sich die Demonstrationen weitgehend auf die Universität, es gibt nur einige Demonstrationen in anderen Gegenden. Es wird aber nicht lange dauern, bis diese Bewegung alle Menschen in der Stadt erfasst hat. In Homs dagegen protestieren die Menschen bereits überall gegen das Regime. Die wichtigste Aufgabe der gebildeten Schicht ist, die Revolution anzuführen, die Menschen auf den richtigen Weg zu bringen. Die Jugend hat die Zeit, die Mittel und die Begeisterung, um das Feuer der Revolution zu entfachen. Sie gestaltet für künftige und vergangene Generationen einen neuen Weg. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die Mehrheit der Menschen in dieser Region junge Leute sind.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich ihr Alltag in den vergangenen Monaten verändert, nachdem das Regime immer härter gegen seine Gegner vorgeht?

Muhammad: Ich engagiere mich immer mehr und habe meine anderen Aktivitäten fast komplett aufgegeben.

ZEIT ONLINE: Waren Sie selbst Drohungen oder sogar Gewalt von Regimeanhängern oder Sicherheitskräften ausgesetzt?

Muhammad: Ja, ein Geheimdienstoffizier hat mir in einer Nachricht gedroht und verlangt, dass ich meine Aktivitäten beende. Zufällig kannte er jemanden aus meiner Familie, und so hat er über ihn die Nachricht geschickt, statt zu mir nach Hause zu kommen und mich abzuholen. Ich glaube allerdings, er weiß nicht allzu viel über das, was ich tue, sonst hätte er mich mit Sicherheit besucht.

 "Das syrische Volk wird siegen"

  ZEIT ONLINE: Wie informieren Sie sich über die Lage in anderen Teilen des Landes, etwa über die Gewalt gegen Demonstranten in Homs, Hama oder Daraa?

Muhammad: Ich habe meine Kontakte in anderen Städten, alte Freunde zum Beispiel. Und ich habe auch neue Kontakte gewonnen, Freunde der Revolution. Über sie kann ich mich informieren. Allgemein nutze ich für Nachrichten vor allem das Internet.

ZEIT ONLINE: Ist es überhaupt noch möglich, mit anderen Aktivisten in Kontakt zu bleiben, wenn man an die vielen Beschränkungen und das Abhören von Internet- und Telefonverbindungen denkt?

Muhammad: Ja, es ist möglich. Man muss einige Erfahrung mit technischen Dingen haben, um sich im Internet sicher bewegen zu können. Dabei hat mir das Telecomix-Team sehr geholfen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass die Anwesenheit von Beobachtern der Arabischen Liga oder generell das Engagement der Organisation die Situation in Syrien verbessert?

Muhammad: Die Beobachter der Arabischen Liga sind ein gutes Mittel, um das Regime unter Druck zu setzen, wenn wir, die Gegner, das klug einsetzen. Wir sind aber beispielsweise besorgt darüber, dass der sudanesische General Mustafa al-Dabi diese Mission leitet. Er ist, so wird berichtet, ein Kriegsverbrecher und hat Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt. Was sollen wir von so einem Menschen erwarten? Grundsätzlich spielt die Arabische Liga aber eine Rolle. Wir werden noch sehen, ob es eine unabhängige sein wird.

ZEIT ONLINE: Welche Unterstützung aus der übrigen Welt könnte in ihren Augen einen positiven Effekt auf die Lage in Syrien haben? Sanktionen? Oder sogar eine direkte Beteiligung an der Lösung des Konflikts?

Muhammad: Zu allererst wollen wir, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Handeln des Regimes klar verurteilt. Und die Sanktionen sind ebenfalls sehr wichtig. Einige Beobachter gehen davon aus, dass das syrische Regime in nur einem Jahr wirtschaftlich zusammenbrechen wird, trotz der Unterstützung durch Iran , Libanon und Irak . Ob wir uns ein direktes Engagement wünschen, etwa eine militärische Intervention? Ich weiß es nicht, es ist nicht an mir, diese Frage zu beantworten. Nehmen wir Libyen als Beispiel: Gaddafi hat letztlich die Entscheidung für eine Nato-Intervention getroffen, nicht seine Gegner; er drohte, die Bevölkerung Libyens zu massakrieren und hat es dann auch getan. Natürlich ist die Situation in Syrien deutlich komplexer. Viele wollen das syrische Volk zum Schweigen bringen und zahlen auch viel Geld dafür. Das Wichtigste ist für mich die Unterstützung unserer mitfühlenden Brüder und Schwestern überall auf der Welt. Wir brauchen ihre Gebete, wir brauchen ihren geistigen Beistand und ihren physischen. Ich glaube an sie und werde es immer tun. Und ein letztes Wort: Was auch immer passieren wird, das syrische Volk wird siegen.

ZEIT ONLINE: Was müsste passieren nachdem Assad nicht mehr an der Macht wäre?

Muhammad: Alle Mörder, die ihre Hände mit dem Blut des syrischen Volkes beschmutzt haben, müssen angeklagt werden. Alle Symbole der Korruption müssen verschwinden. Wir brauchen eine neue Verfassung und faire Wahlen. Und gestohlenes Geld muss zurückgegeben werden.