Die Verbrennung von Koran-Büchern durch US-Soldaten führt seit Tagen zu wütenden Protesten gegen die Amerikaner, die von vielen als gottlose Besatzer gesehen werden. Bei den Ausschreitungen kamen zahlreiche Menschen ums Leben, und die Gewalt hält an. Am frühen Morgen sprengte sich im ostafghanischen Dschalalabad ein Selbstmordattentäter am Flughafen in die Luft und tötete weitere neun Afghanen. Die Taliban bekannten sich zu der Tat und erklärten, es handele sich um eine Vergeltung wegen der Koranschändungen vom vergangenen Dienstag.

Die Verbrennung der heiligen Schrift des Islams hat die US-Truppen in der islamischen Welt – und nicht nur dort – einmal mehr diskreditiert. Sie lässt in ihrer tumben Ignoranz einmal mehr den Respekt vor der Kultur und der Religion anderer vermissen. Der mächtigste Mann im Westen sah sich gezwungen, die aufgebrachten Gemüter in Afghanistan mit einer Entschuldigung zu besänftigen.

Doch etwas anderes dürfte dem US-Präsidenten und obersten Befehlshaber der Truppen in Afghanistan langfristig mehr Kopfzerbrechen bereiten: die Ermordung zweier hochrangiger Offiziere am Wochenende, die beratend im afghanischen Innenministerium tätig waren. Denn ihr Tod führt den Amerikanern vor Augen, wie riskant ihre Strategie ist, die kämpfenden Truppen nach und nach abzuziehen, und den Krieg am Hindukusch zu einem Einsatz von Beratern für das afghanische Militär herabzustufen.

Neue Aufgaben für die Soldaten – und damit neue Gefahren

Bis Ende des Sommers soll die Anzahl der Truppen von etwa 100.000 auf 68.000 schrumpfen und im Lauf des Jahres weiter zurückgehen. Ende 2014 sollen alle Kampfeinheiten zurück sein. Stationiert bleiben sollen etwa 25.000 Soldaten, deren Aufgabe es nicht mehr sein wird, selbst in den Kampfeinsatz zu gehen, sondern die afghanische Armee darin zu unterstützen. Die Nato-Berater sollen etwa Luftunterstützung anfordern, wenn afghanische Bodentruppen von Taliban zu sehr in die Defensive gedrängt werden. Sie sollen auch sicherstellen, dass die afghanischen Regierungstruppen genügend Waffen und Munition zur Verfügung haben, und dass sie aus den Zentralen mit genügend Nahrung und Treibstoff versorgt werden.

Die Aufgaben ändern sich, die Gefahren auch. Eine Einheit von Beratern wird kleiner und weniger wehrhaft sein als eine typische Infanterie-Einheit. Die zurückbleibende Rumpftruppe wird sich auch nicht mehr im bisherigen Ausmaß in die relative Sicherheit großer Militärbasen zurückziehen können. Vielmehr wird sie sich auf die Loyalität und Integrität der afghanischen Armee verlassen müssen, weil sie enger mit ihr arbeiten und leben wird. Da liegt das Problem wie der tödliche Vorfall im Innenministerium zeigt. Die Hoffnung, dass sich die Sicherheit der zurückbleibenden Truppen mit dem Abzug eines Großteils der Kampfeinheiten erhöht, schwindet.