Die afghanischen Arbeiter, die im Nato-Stützpunkt Bagram an der Müllverbrennungsanlage beschäftigt sind, sollen vor Wut geschäumt haben. Drei US-Soldaten waren mit einem Lastwagen voller religiöser Schriften aufgetaucht, auf dessen Ladefläche sie Exemplare des Korans entdeckten, die die Amerikaner in einen Ofen warfen. Die Arbeiter versuchten, die US-Soldaten aufzuhalten. "Ich war bereit, mein Blut zu vergießen und sie zu töten oder selbst getötet zu werden", berichtet einer.

Die Angaben der afghanischen Arbeiter lassen sich nicht verifizieren, stimmen jedoch mit den Schilderungen der afghanischen Polizei und Behörden überein. Die Verbrennung der heiligen Bücher dauerte nur fünf Minuten, aber sie könnte die internationalen Truppen in ihrem Bemühen um eine Befriedung Afghanistans weit zurückwerfen. Am vierten Tag der Proteste zogen in Kabul Hunderte aufgebrachte Afghanen zum Präsidentenpalast. Die Menge skandierte "Tod für Amerika " und "Es lebe der Islam". Zwei Menschen wurden am Freitag nach Polizeiangaben während der Proteste erschossen, einer von bewaffneten Demonstranten.

In Herat im Westen des Landes wurden nach offiziellen Angaben sieben Menschen getötet und 50 verletzt; in Chost im Osten starben zwei Menschen bei Protestaktionen. Die Bundeswehr räumte wegen der Unruhen ein kleineres Lager in der nordafghanischen Stadt Talokan, das in den kommenden Wochen ohnehin aufgegeben werden sollte.

Die Affäre um die Koran-Verbrennung kommt für die USA und die Isaf-Truppen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Der Truppenabzug steht bevor, und im schlechtesten Fall kann am Ende der Eindruck entstehen, die Truppen seien wegen Unruhen und Aufständen im Zuge der Bücher-Affäre aus dem Land gejagt worden. Was bleibt, sind dann Bilder. Solche wie vom Abzug der Amerikaner 1975 aus dem damaligen Saigon in Vietnam .

Doch muss man im Fall Afghanistans erst einmal genauer hinsehen: Es sind nicht die ersten Unruhen, die auf vergleichbaren Anlässen beruhen. Im Sommer 2010 beispielsweise führte die Androhung einer Koran-Verbrennung durch den amerikanischen Pfarrer Terry Jones zu Protesten. Und wahrscheinlich als Folge einer tatsächlich im US-Staat Florida stattgefundenen Koran-Verbrennung im Frühjahr 2011, an der auch wieder Jones teilhatte, brachen wenig später in Masar-i-Scharif schwere Unruhen aus, als der Mob ein UN-Büro angriff und sieben UN-Mitarbeiter tötete.

Amerikaner werden als Besatzungsmacht empfunden

Tatsache ist, und das müssen auch Isaf-Soldaten wissen, dass die Empfindlichkeit bei den Afghanen in solchen Fragen sehr hoch ist. Die Erfahrung spätestens aus Masar-i-Scharif lehrt das. Und einen Mob gibt es überall, auch in Afghanistan.

Zudem sind sofort die Taliban-Einpeitscher dabei und machen Stimmung gegen den Westen. Die Demonstrationen in Afghanistan sind eben nicht nur religiös motiviert, sagt Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network in Kabul: "Das islamistische Lager instrumentalisiert die spontane Empörung und die Proteste für sich." Die Empfindlichkeit der Afghanen ist heute zudem durch den harten Winter besonders groß, viele Afghanen frieren und hungern.

Auch wird die Anwesenheit der Isaf inzwischen anders wahrgenommen als noch zu Beginn des Einsatzes, besonders die Amerikaner werden jetzt als Besatzungsmacht empfunden. Ein Vorfall wie die Verbrennung von Koran-Büchern ist heute problematischer als noch vor ein paar Jahren. Ein paar verbrannte Bücher machen zwar nicht zehn Jahre Afghanistan-Hilfe kaputt. Sie können aber auf den Abzug der westlichen Truppen ein fatales Schlaglicht werfen.