Merkel muss nach Athen!

Bei den Protesten gegen das neue Sparprogramm verbrannten griechische Demonstranten vor einigen Tagen deutsche Fahnen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben Bürger in Europa nicht mehr derart öffentlich ihren Hass gegen ein anderes Land auf dem Kontinent gezeigt. Auch wenn es sich nur um eine kleine Gruppe von Demonstranten gehandelt hat: Wie konnte es soweit kommen?

Im Verlauf der Schuldenkrise hat vor allem das Ansehen Angela Merkels in Südeuropa großen Schaden genommen. Dabei war sie in den Jahren vor der Krise durchaus beliebt. 2007 fragte das Forschungsinstitut Emnid die Bürger in 14 EU-Ländern, von welchem europäischen Spitzenpolitiker sie sich eine stärkere Führungsrolle in Europa wünschen. Merkel kam bei der Gesamtauswertung auf Platz eins – vor Kommissionspräsident José Manuel Barroso , Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und dem früheren britischen Premier Gordon Brown . Auch in den Einzelauswertungen für Spanien und Italien lag Merkel auf dem ersten Platz.

Von der "ruhigen Kraft" zum Nazi

Griechenland war an der Umfrage damals nicht beteiligt, aber das Stimmungsbild war ähnlich: Die Athener Zeitung To Vima nannte sie 2009 "die ruhige Kraft" . Die regelmäßigen Auszeichnungen des US-Magazins Forbes zur mächtigsten Frau der Welt brachten ihr Anerkennung ein. Die Durchsetzungskraft der deutschen Kanzlerin auf internationaler Bühne, vor allem in der Klimadiskussion, wurde gelobt.

Inzwischen aber stülpen ihr griechische Demonstranten auf ihren Protestplakaten Nazi-Uniformen über. Nicht nur das: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland sind auch auf politischer Ebene an einem Tiefpunkt angelangt, wie sich an dem jüngsten Ausbruch von Staatspräsident Karolos Papoulias zeigt.

"Ich akzeptiere es als Grieche nicht, dass mein Land von Herrn Schäuble beleidigt wird", schimpfte Papoulias . Damit reagierte er auf die wiederholten Spar-Ermahnungen des deutschen Finanzministers.

Die Äußerung des Präsidenten ist Ausdruck für die Gemütslage vieler Griechen momentan. Die Menschen fühlen sich gedemütigt. Sie haben längst eingesehen, dass sehr vieles in ihrem Land falsch gelaufen ist. Die Mehrheit der Bevölkerung hat den harten Sparmaßnahmen zu Beginn der Krise zugestimmt. Es stimmt, dass die jüngsten Lohnkürzungen weitgehend abgelehnt werden. Aber darum geht es nicht. Die Griechen ertragen den Tonfall nicht mehr, mit dem auf sie eingeredet wird.

Merkel muss versuchen eine Versöhnung mit Griechenland einzuleiten

Die Kränkung sitzt schon länger tief. Jeder in Griechenland erinnert sich noch gut daran, wie Merkel vergangenen Sommer das Klischee des faulen Griechen unterstützte. Die Kanzlerin hatte "Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal " vorgeworfen, dass ihre Bürger zu früh in Rente gehen würden. Arbeitnehmer im Süden Europas hätten außerdem viel zu viel Urlaub. 

Mit dieser Rhetorik wollte Merkel vor allem innenpolitisch punkten. Sie griff eine Stimmung auf, die zuvor von deutschen Medien geschürt worden war: vor allem durch die Schlagzeilen der Bild -Zeitung mit Beschimpfungen wie "Pleite-Griechen" und der Forderung, Griechenland möge bitte seine Inseln verkaufen. Auch nicht besser war ein Bild der Aphrodite mit Mittelfinger auf der Titelseite des Focus . Die Bundesregierung hat dieser Stimmungsmache nichts entgegengesetzt.

Merkel muss das Vertrauen der Griechen zurückgewinnen

Im Gegenteil: Angela Merkel hat diese Art der Rhetorik genutzt, um die Umfragewerte im eigenen Land zu verbessern, und sie hatte und hat Erfolg damit. Die Kanzlerin ist so beliebt wie nie. 63 Prozent der Bürger sind laut ARD-Deutschlandtrend mit ihrer Arbeit zufrieden – damit meinen die Bundesbürger auch ihre harte Haltung in der Euro-Krise. In Griechenland aber hat Merkel sich nicht nur unbeliebt gemacht, die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung ist tatsächlich in Feindschaft umgeschlagen.

Hätte die deutsche Kanzlerin das verhindern können?

Ja, sie hätte es zumindest versuchen müssen. Die Kanzlerin hat es seit Beginn der Schuldenkrise unterlassen – absichtlich oder nicht – einen Dialog mit den Menschen in Griechenland aufzubauen. Sie hätte schon im Jahr 2010 nach Athen reisen und dort im Parlament sprechen müssen, um für eine gemeinsame Lösung zu plädieren. Sie hätte klar machen müssen, dass Deutschland zur Solidarität bereit ist, aber dafür auch Gegenleistungen verlangt. Sie hätte zumindest dem griechischen Staatsfernsehen ein Interview geben können, in dem sie diesen Dialog beginnt, vielleicht auch zusammen mit Nicolas Sarkozy .

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Kanzlerin in naher Zukunft zu einer solchen Reise nach Athen aufbricht, geplant ist jedenfalls nichts. In der jetzigen Lage könnte ein offizieller Besuch die Stimmung in Griechenland noch weiter anheizen. Man würde ihr vorwerfen, dass die eigentliche Machthaberin nun auch vor Ort nach dem Rechten sieht. Vor dem griechischen Parlament würden wohl wieder Plakate von Merkels Konterfei mit Hitlerbart präsentiert.

Trotzdem muss Merkel nach Athen! Sie muss versuchen, eine Versöhnung mit Griechenland einzuleiten. Sie muss klarstellen, dass ihr das Europäische Projekt am Herzen liegt und wie wichtig Griechenland dafür ist. Die Regierung in Athen wäre bereit, Merkel zu empfangen.

Die Verantwortung für die inzwischen so beschädigten deutsch-griechischen Beziehungen liegt zu einem großen Teil bei Angela Merkel. Daher ist es an ihr, für Besserung zu sorgen.