Die Kränkung sitzt schon länger tief. Jeder in Griechenland erinnert sich noch gut daran, wie Merkel vergangenen Sommer das Klischee des faulen Griechen unterstützte. Die Kanzlerin hatte "Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal " vorgeworfen, dass ihre Bürger zu früh in Rente gehen würden. Arbeitnehmer im Süden Europas hätten außerdem viel zu viel Urlaub. 

Mit dieser Rhetorik wollte Merkel vor allem innenpolitisch punkten. Sie griff eine Stimmung auf, die zuvor von deutschen Medien geschürt worden war: vor allem durch die Schlagzeilen der Bild -Zeitung mit Beschimpfungen wie "Pleite-Griechen" und der Forderung, Griechenland möge bitte seine Inseln verkaufen. Auch nicht besser war ein Bild der Aphrodite mit Mittelfinger auf der Titelseite des Focus . Die Bundesregierung hat dieser Stimmungsmache nichts entgegengesetzt.

Merkel muss das Vertrauen der Griechen zurückgewinnen

Im Gegenteil: Angela Merkel hat diese Art der Rhetorik genutzt, um die Umfragewerte im eigenen Land zu verbessern, und sie hatte und hat Erfolg damit. Die Kanzlerin ist so beliebt wie nie. 63 Prozent der Bürger sind laut ARD-Deutschlandtrend mit ihrer Arbeit zufrieden – damit meinen die Bundesbürger auch ihre harte Haltung in der Euro-Krise. In Griechenland aber hat Merkel sich nicht nur unbeliebt gemacht, die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung ist tatsächlich in Feindschaft umgeschlagen.

Hätte die deutsche Kanzlerin das verhindern können?

Ja, sie hätte es zumindest versuchen müssen. Die Kanzlerin hat es seit Beginn der Schuldenkrise unterlassen – absichtlich oder nicht – einen Dialog mit den Menschen in Griechenland aufzubauen. Sie hätte schon im Jahr 2010 nach Athen reisen und dort im Parlament sprechen müssen, um für eine gemeinsame Lösung zu plädieren. Sie hätte klar machen müssen, dass Deutschland zur Solidarität bereit ist, aber dafür auch Gegenleistungen verlangt. Sie hätte zumindest dem griechischen Staatsfernsehen ein Interview geben können, in dem sie diesen Dialog beginnt, vielleicht auch zusammen mit Nicolas Sarkozy .

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Kanzlerin in naher Zukunft zu einer solchen Reise nach Athen aufbricht, geplant ist jedenfalls nichts. In der jetzigen Lage könnte ein offizieller Besuch die Stimmung in Griechenland noch weiter anheizen. Man würde ihr vorwerfen, dass die eigentliche Machthaberin nun auch vor Ort nach dem Rechten sieht. Vor dem griechischen Parlament würden wohl wieder Plakate von Merkels Konterfei mit Hitlerbart präsentiert.

Trotzdem muss Merkel nach Athen! Sie muss versuchen, eine Versöhnung mit Griechenland einzuleiten. Sie muss klarstellen, dass ihr das Europäische Projekt am Herzen liegt und wie wichtig Griechenland dafür ist. Die Regierung in Athen wäre bereit, Merkel zu empfangen.

Die Verantwortung für die inzwischen so beschädigten deutsch-griechischen Beziehungen liegt zu einem großen Teil bei Angela Merkel. Daher ist es an ihr, für Besserung zu sorgen.