Am vierten Tag der Proteste gegen die Koran-Verbrennungen sind in Kabul und anderen Regionen Afghanistans wieder Hunderte aufgebrachte Menschen auf die Straßen gegangen. Sicherheitskräfte schossen in die Luft, um die Demonstranten auseinanderzutreiben, die "Tod Amerika " riefen. Mindestens ein Demonstrant wurde durch eine Kugel verletzt. Zuvor war die Menge in Kabul in Richtung des Präsidentenpalastes gezogen.

Auch in der Stadt Dschalalabad kamen etwa 700 Menschen zu einer Demonstration zusammen. Ein weiterer Protestmarsch bildete sich in der Provinz Ghasni im Südosten Afghanistans.

Auslöser der Unruhen war der Fund von verkohlten Koran-Exemplaren auf der Müllhalde des US-Stützpunkts Bagram bei Kabul. Der Koran gilt den Muslimen als direktes Wort Gottes und die Verbrennung des Buches als Gotteslästerung. Bei den seitdem andauernden Protesten wurden mindestens elf Menschen getötet, darunter zwei US-Soldaten.

Isaf-Oberkommandeur General John Allen hatte die Bevölkerung und internationalen Truppen zur Ruhe aufgerufen. Jeder "Isaf-Soldat und Afghane" müsse "Geduld und Zurückhaltung" zeigen. Die genauen Hintergründe der Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram würden derzeit noch geklärt.

Bundeswehrsoldaten aus Außenlager abgezogen

Die US-Botschaft in Kabul hatte angesichts der Sorge vor neuer Gewalt nach den Freitagsgebeten alle US-Bürger aufgerufen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Auch die afghanische Regierung hatte zur Ruhe aufgerufen und erklärt, weitere Proteste könnten von den aufständischen Taliban für Gewalt genutzt werden.

Die Bundeswehr räumte wegen der Unruhen ein kleineres Lager in der nordafghanischen Stadt Talokan, das in den kommenden Wochen ohnehin hätte aufgegeben werden sollen. Der Kommandeur der Nordregion, General Markus Kneip, habe die rund 50 Soldaten aus Sicherheitsgründen vorübergehend in das große Bundeswehr-Camp in Kundus zurückbeordert, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums .

Wegen der Koran-Verbrennungen hätten am Donnerstag rund 300 Afghanen vor dem Lager in Talokan protestiert und den Komplex mit Steinen beworfen. Derzeit herrsche in der Stadt gespannte Ruhe. Am Rande der Freitagsgebete kommt es bei Konflikten in islamischen Ländern häufig verstärkt zu Gewaltausbrüchen.

US-Präsident Barack Obama entschuldigte sich für die unbedachte Koranschändung . Er betonte nach Angaben der afghanischen Regierung in einem Schreiben, die Verbrennung von Koran-Exemplaren auf der US-Basis Bagram sei nicht vorsätzlich geschehen.