Mit kleinen Schritten, rechts schwer gestützt auf einen Gehstock, betritt May Chidiac das Hinterzimmer einer kleinen Galerie in Beirut . Die Gespräche verstummen, die Gäste schauen der schwarz gekleideten Frau zu, wie sie langsam zu einem freien Stuhl geht und sich mithilfe eines Begleiters hinsetzt. Mit der rechten Hand rückt sie das linke Bein zurecht. Ihr Gesicht ist stark geschminkt, dennoch sieht Chidiac müde und abgekämpft aus. Sie kommt von einer Veranstaltung, auf der sie wieder einmal über ihren Kampf für die Wahrheit gesprochen hat. Nun warten die Besucher in der Galerie darauf, dass sie erneut berichtet, von dem Anschlag, vom Überleben und vom Weiterleben.

Das alte Leben der May Chidiac, Starjournalistin im Libanon , bekannt in der arabischen Welt, endete im September 2005. Sie stieg damals in Jounieh, nördlich von Beirut, in ihr Auto. Wie so oft hatte sie es eilig, wollte zum nächsten Termin. Sie beugte sich vom Fahrersitz nach hinten zur Rückbank, als der Attentäter den Zünder betätigte. Die Bombe unter dem Wagen explodierte. Chidiac rettete nur, dass sie nicht ganz auf ihrem Sitz saß. Sie überlebte schwer verletzt, verlor den linken Unterschenkel, den linken Arm. Im Krankenhaus retteten die Ärzte die schwer verletzte Frau, in Frankreich erhielt sie spezielle Prothesen.

Nach zahlreichen Operationen konnte sie wieder gehen, sie lernte, mit dem versehrten Körper zu leben. Aber sie war nicht mehr die Alte. Zehn Monate nach dem Anschlag kehrte sie in ihr Fernsehstudio zurück. Ihre Talkshow Bikol Joraa war sehr erfolgreich – nicht nur im Libanon, sondern auch in den Nachbarländern. Doch 2009 entschied sie, die Fernsehkarriere aufzugeben und nach 25 Jahren nicht mehr als Journalistin zu arbeiten. Ein Grund für ihren Rücktritt sei der politische Druck gewesen, sagt sie. Aus der engagierten Journalistin wurde eine Kämpferin. Sie veröffentlichte ihr Buch Ich werde nicht schweigen und lehrt an Universitäten.

In der Galerie erzählt Chidiac vom Anschlag. Wer dahinter steckt, ist mehr als sechs Jahre nach dem Attentat nicht geklärt. Ebenso wenig wie bei vielen anderen Terrorakten im Libanon. "Sie haben Präsidenten ermordet, unseren Ministerpräsidenten Hariri – aber bei mir sind sie gescheitert", sagt Chidiac. Sie sei die einzige Frau im Libanon, auf die ein Anschlag verübt worden sei. Dabei klingt sie stolz. "Lediglich drei Menschen haben überlebt." Zwischen 2004 und 2008 wurden im Libanon mehr als ein Dutzend Politiker und Intellektuelle ermordet.

Bei vielen Mächtigen unbeliebt gemacht

Wer hinter dem Mordversuch steckt, weiß Chidiac nicht sicher. Die Journalistin war bei vielen Mächtigen unbeliebt. Sie setzte sich für die Freiheit des Libanon ein, befürwortete einen Abzug der syrischen Truppen. Zu dieser Zeit bekam sie erstmals Morddrohungen. Noch mehr Feinde machte sie sich nach der Ermordung von Rafik Hariri . Der libanesische Premierminister und 22 weitere Menschen wurden am 14. Februar 2005 mit einem Sprengsatz in Beirut ermordet.

Da Hariri sich vehement gegen den syrischen Einfluss in seinem Land gewehrt hatte, machten die meisten Menschen im Libanon das Assad-Regime in Damaskus für das Attentat verantwortlich. Der Mord am Premierminister löste die sogenannte Zedernrevolution aus, eine breite Bewegung von Christen, Drusen, Sunniten und Teilen der schiitischen Bevölkerung forderte den syrischen Abzug. Eine syrienfreundliche Regierung wurde zum Rücktritt gezwungen, Syrien lenkte ein. Bis Ende April 2005 zogen alle 14.000 syrischen Soldaten ab. Die Hisbollah , arabisch für die "Partei Gottes", eine radikal schiitische Organisation, die von den USA und Israel als Terrorgruppe eingestuft wird, organisierte eine prosyrische Kampagne.