Nikolai und sein Sohn haben es eilig. Die beiden Männer in schwarzen Mänteln hetzen mit ihrem Plakat von einem Eingang des Moskauer Olympiastadions Luschniki zum anderen, als ginge es um Leben und Tod. Sie wollen genau vor der Bühne stehen, wenn Wladimir Putin auftritt. "Putin – das heißt Stärkung der Stabilität", haben sie mit gelber Farbe auf ihr Transparent geschrieben.

Eigentlich will Nikolai, ein Bänker Mitte Fünfzig, gar nicht mit ausländischen Journalisten sprechen, weil er sie für Provokateure hält. Aber dann sprudelt die Aufregung doch aus ihm heraus: "Früher bin ich nie zu Demonstrationen gegangen, aber jetzt muss ich etwas tun!" Diese sogenannte Opposition, die da ständig gegen Putin hetze, treibe das Land sonst in die Revolution. "Dann kommt es wie 1917", ruft Nikolai noch warnend, bevor er im Eingang zum Sportpalast verschwindet.

Was der Vater von sechs Kindern sagt, spiegelt den Geist wider, in dem sich am Donnerstag mindestens 100.000 Putin-Unterstützer im größten russischen Stadion versammelt haben. "Verteidigen wir die Heimat", heißt die von Putins Volksfront organisierte Veranstaltung nicht zufällig. Es ist der russische Feiertag des Vaterlandsverteidigers, der zu Sowjetzeiten einmal Tag der Streitkräfte und Marine hieß.

"Verteidiger unseres Vaterlandes"

Wladimir Putin, Russlands Premierminister, der in zehn Tagen wieder zum Präsidenten gewählt werden will, kommt die Zeichenhaftigkeit gelegen. "Es ist symbolisch, dass wir uns ausgerechnet heute versammeln, weil wir in diesen Tagen tatsächlich Verteidiger unseres Vaterlandes sind", ruft Putin im schwarzen Steppparka von der stegartigen Bühne ins Menschenmeer. "Der Kampf um Russland geht weiter", setzt er nach: "Der Sieg ist unser!" Das begeistert die Menge.

Unter dem schneegrauen Himmel haben sich vor allem Menschen mittleren Alters versammelt, Arbeiter und Angestellte. Tausende wurden in Bussen aus der Provinz in die Hauptstadt gefahren, um den alten und wahrscheinlich auch neuen Präsidenten Putin zu unterstützen. Selbst angefertigte Plakate, wie das von Nikolai, sieht man kaum auf den Rängen. Manche halten die von den Organisatoren ausgeteilten Schilder hoch: "Wir vertrauen Putin", "Wir sind für Putin", "Putin belügt uns nicht". Hier und da schwebt ein herzförmiger Luftballon in den russischen Farben Weiß-Blau-Rot über den Köpfen. Bis zum Auftritt des beliebten Premierministers hält sich der Jubel in Grenzen, einige tanzen vor sich hin oder schunkeln zur Musik diverser Popsternchen, vielleicht mehr wegen der Kälte als wegen der Musik.

Ein Gewerkschaftsführer, ein Panzerproduzent und der Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin defilieren vor Putin über die Bühne. Die Botschaft ist immer gleich: Wir wollen Stabilität und keine "Politiker, die uns auf die Barrikaden treiben", wie es der sonst sehr zurückhaltende Sobjanin formuliert. Auch Schreckensszenarien von Krieg und wirtschaftlichem Niedergang im Falle eines Oppositionssieges werden beschworen.