Jahrelang hat die Berliner Autorin Gabriela M. Keller in Damaskus gelebt, noch immer ist sie in Syrien bestens vernetzt. In den vergangenen Tagen hat sie Augenzeugenberichte ihrer Konktaktleute eingesammelt. Hier ist ihr Bericht:

Das Bombardement auf die Stadt Homs hat etwas nachgelassen. Es gehen jetzt weniger Raketen und Mörsergranaten auf die Stadt nieder, doch stattdessen haben Assads Panzer das Feuer in den Wohnsiedlungen verstärkt. Und aus schweren Maschinengewehren, die auf Fahrzeugen angebracht sind, schießen seine Soldaten in die Häuser. Die Streitkräfte haben begonnen, in die Viertel vorzudringen, die wochenlang unter Kontrolle der Aufständischen standen. Das Stakkato ihrer Schüsse hallt durch die Stadt, als Abu Abdo al Homsi ans Telefon geht. "So ist das normale Leben in Homs", sagt der junge Aktivist. "Unsere Gefühle sind mittlerweile völlig abgestorben. Wir fühlen uns nur noch taub."

Seit Freitagabend treibt die Armee in Homs eine Offensive von bisher beispielloser Brutalität voran. Die Truppen haben sich um die Stadt zusammengezogen und feuern am Tag und in der Nacht über Stunden mit schwerer Artillerie auf die Siedlungen. Die Anwohner verkriechen sich in ihren Häusern, doch es hilft ihnen nicht. Die Waschbetonwände der Wohnblocks knicken unter dem Beschuss ein wie Styroporplatten. 36 Gebäude sollen allein in der Nacht zu Samstag zusammengebrochen sein; ganze Familien wurden unter den Trümmern begraben. Insgesamt wird die Zahl der Toten in den vergangenen Tagen auf etwa 350 geschätzt.

Hinzu kommen mehr als 1.000 zum Teil schwer Verletzte. Seitdem die Raketen eine der vier Untergrund-Kliniken zerstört haben, werden die Verwundeten zum Teil in Moscheen und Privathäusern versorgt. "Diejenigen, die noch am Leben sind, kümmern sich um die Sterbenden", sagt Abo Abdo al Homsi. "Die Sicherheitskräfte lassen keine Krankenwagen in die Stadt fahren. Deswegen verbluten viele, ehe ihnen geholfen werden kann." Zudem fehlt es in den Lazaretten an allem, Desinfektionsmittel, Blutkonserven, Verbandsmaterial. "Einige Apotheker versuchen, Medikamente in die belagerten Viertel zu schmuggeln", sagt Mohammed, ein Aktivist im Vorort al Inshaat. "Am Montag haben die Soldaten einen von ihnen erwischt und auf der Stelle erschossen."

Kein Ort hat die Gewalt so heftig getroffen wie Homs

Das, was die Aktivisten schildern, lässt sich von Deutschland aus nicht unabhängig prüfen. Doch eine Flut von Videoclips im Internet stützen ihre Aussagen: Zu sehen sind schreiende Menschen neben Verletzten mit grauenhaften Wunden, abgetrennte Gliedmaßen und Leichen mit geplatzten Schädeln.

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Keinen anderen Ort hat die Gewalt so heftig getroffen wie Homs, die 800.000-Einwohner-Stadt in Zentralsyrien. Doch auch in anderen Regionen, vor allem in Hama im Westen, in der nördlichen Provinz Idlib und in Zabadani nahe Damaskus führen die Regierungstruppen seit mehreren Tagen verheerende Feldzüge gegen die Bevölkerung. Die Angriffe begannen just bevor Russland und China zum dritten Mal in Folge eine UN-Resolution im Weltsicherheitsrat blockierten. "Das Regime glaubt jetzt, eine reelle Chance zu haben, den Aufstand niederzuschlagen", sagt der syrische Menschenrechtsaktivist Wissam Tarif, der mit dem Kampagnennetzwerk Avaaz arbeitet. "Mit ihrem Veto haben Russland und China dem Regime Zeit gegeben, die Proteste zu ersticken." Unter der Rückendeckung seiner beiden Verbündeten versuche das Regime mit allen Mitteln, die Situation in den Griff zu kriegen, ehe sich die internationale Gemeinschaft auf neue Schritte einigt.

Denn in den vergangenen Wochen war die Macht des Regimes in mehreren Städten deutlich erodiert. Was im März vergangenen Jahres als Serie friedlicher Kundgebungen begann, ist ein Bürgerkrieg geworden. Längst stehen die Regierungstruppen nicht mehr nur Demonstranten mit Handykameras gegenüber, sondern auch gut gerüsteten Kämpfern. Vor allem die "Freie Armee Syriens" (FAS), ein loses Bündnis aus desertierten Soldaten und bewaffneten Zivilisten, forciert die Militarisierung des Konflikts. Waffen werden aus den Nachbarländern in die Vororte der syrischen Städte geschmuggelt und die Rebellen haben mehrfach Waffenlager der Armee ausgeraubt.