Da ist zunächst die ausufernde Gewalt und Kriminalität. Sie hat sich in Caracas und ganz Venezuela massiv ausgebreitet. Viele Bürger lasten das der Regierung an. "Der Politik fehlt der Wille die Gewalt zu beenden", sagt Capriles auf einer Veranstaltung in seiner Heimatprovinz. "Paz" steht auf seiner weißen Baseball-Kappe und auf den weißen T-Shirts seiner Wahlkampf-Helfer. Paz heißt Frieden.

Vor wenigen Tagen tauchten Bilder bewaffneter Kinder in sozialistischer Montur auf. Chavistas, wie die Chávez-Anhänger in Venezuela genannt werden, hatten den Drei-Käse-Hochs Kalaschnikows in die Hände gedrückt. Die Bilder aus dem gefährlichen Armenviertel lösten eine Welle der Entrüstung aus. Der Regierung war so viel bewaffnete Begeisterung nicht geheuer. Die bewaffneten sozialistischen Kinder sind schlecht fürs Image. Chávez schickte seinen Innenminister Tareck el Aisammi vor, um sich von den Fotos zu distanzieren.

Vom Boom Lateinamerikas bekommt Venezuela nichts mit

Neben der Gewalt ist die wirtschaftliche Stagnation Venezuelas das zweite große Problem der Chávez-Regierung. Ob Rio de Janeiro, Buenos Aires oder Bogota : Fast alle lateinamerikanischen Metropolen – egal ob links oder rechts regiert – boomen derzeit um die Wette. Caracas aber stagniert wie ganz Venezuela. Ein großer Teil Ölmilliarden versickert im venezolanischen Korruptionssumpf, den es auch schon vor Chávez gab. Venezuelas Staatshaushalt hängt fast unmittelbar vom Ölpreis ab. Ein Großteil der Wirtschaft ist verstaatlicht. Private Investitionen bleiben aus Angst vor weiteren Verstaatlichungen fern.

Die Armut ist dagegen geblieben, Profiteure des Systems sind linientreue Funktionäre. Capriles setzt darauf, dass etliche frühere Chávez-Anhänger inzwischen von ihrem einstigen Hoffnungsträger schwer enttäuscht sind.

Auch in der Wirtschaftspolitik bietet Capriles den Wählern eine Alternative. "Chávez plant den Weg zum Sozialismus. Ich biete einen Weg zum Aufschwung und Fortschritt", lautet das Leitmotiv des studierten Wirtschaftsjuristen. "Ich favorisiere das brasilianische Wirtschaftsmodell, denn es hat bewiesen, dass man Menschen damit aus der Armut holen kann", sagt er und zielt damit auf die enttäuschten Wählergruppen aus dem moderaten Flügel des Chávez-Lagers. Er weiß: Ein bisschen links muss das Programm schon sein, um Erfolg zu haben.