ZEIT ONLINE: Seit den Wahlen 2010 hat Birma einen rasanten Wandel erlebt. Was waren die zentralen Ereignisse für die NLD in dieser Zeit?

U Tin Oo: Die Wahlen im November 2010 hat unsere Partei noch boykottiert. Das damalige Gesetz schloss ehemalige Straffällige von der Kandidatur aus und dazu zählten auch politisch Inhaftierte. Wir hätten also Aung San Suu Kyi aus der NLD ausschließen müssen, um kandidieren zu können. Vor diesem Hintergrund kam eine Teilnahme an der Wahl für uns nicht infrage. Im August 2011 kam es dann zu dem historischen Treffen zwischen Präsident Thein Sein und Suu Kyi. Dabei gab es entgegen aller Erwartungen viele inhaltliche Anknüpfungspunkte, so dass wir erste Schritte in Richtung einer Zusammenarbeit mit der Regierung wagten.

ZEIT ONLINE: Was hatten Sie gefordert?

U Tin Oo: Eine zentrale Rolle spielte die Freilassung aller politischen Gefangenen. Die Regierung ist dieser Forderung in den letzten Monaten schrittweise nachgekommen. Diese Entwicklung erscheint uns vielversprechend. Daher haben wir uns auch entschlossen, an den Nachwahlen teilzunehmen und gegen die Regierung anzutreten.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie den Wahlkampf bisher?

U Tin Oo: Der Wahlkampf verläuft in unseren Augen bisher relativ frei, aber einige Schikanen seitens der Regierung gibt es natürlich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zu Beginn unserer Wahlkampftour hat die Regierung Aung San Suu Kyi den Zutritt zu Stätten verwehrt, wo sie vor großen Menschenmengen sprechen könnte, beispielsweise in Stadien. Die Regierung wollte so verhindern, dass sich Menschenmassen um Suu Kyi versammeln. Wir haben dann selbst nach geeigneten Alternativ-Orten gesucht. Und überall dort, wo Aung San Suu Kyi gesprochen hat, sind Tausende Menschen gekommen. Jeder in Birma will sie sehen. Am Ende hat die Regierung dann auch eingelenkt.

ZEIT ONLINE: Erwarten Sie am 1. April faire und freie Wahlen?

U Tin Oo: Nach unseren bisherigen Erfahrungen sind wir natürlich skeptisch. Bei den Wahlen 2010 hat die Regierung versucht, das Ergebnis auf verschiedene Arten zu manipulieren, beispielsweise durch Streichung oder Mehrfachnennung von Namen auf den Wählerlisten. Anzeichen dafür gibt es auch jetzt wieder. Wir haben darauf hingewiesen, dass bereits Verstorbene auf den Wählerlisten stehen. Aber der Vorsitzende des Wahlkomitees, Tin Aye, hat uns versichert, dass die Wahlen dieses Mal fairer und freier als beim letzten Mal ablaufen werden.

ZEIT ONLINE: Beobachter zweifeln an der Unabhängigkeit von Tin Aye weil er einst zur Junta gehörte. Vertrauen Sie ihm?

U Tin Oo: Was soll ich sagen? In unserer aktuellen Situation müssen wir pragmatisch handeln und in Hinsicht auf Vertrauen in Vorleistung gehen. Außerdem werden wir und jeder, der die Wahl beobachtet, protestieren, sobald es Anzeichen für Wahlbetrug gibt. So wie wir es jetzt schon mit den Wählerlisten tun.

ZEIT ONLINE: Gerüchten zufolge wurde Aung San Suu Kyi im Falle ihres Sieges ein Regierungsamt in Aussicht gestellt.

U Tin Oo: Dabei handelt es sich wirklich nur um Gerüchte. Suu Kyis Hauptanliegen ist der Aufbau eines unabhängigen Justizwesens in Birma. Uns geht es in erster Linie darum, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass Reformen überhaupt greifen können. Ist Birma erst einmal Rechtsstaat, kommt in unseren Augen die wirtschaftliche Entwicklung fast von allein. Schon jetzt warten ausländische Investoren nur darauf, sich in Birma zu engagieren.

Aber wir wollen auch sicherstellen, dass die Menschen in unserem Land von der Entwicklung profitieren. Die ausländischen Firmen sehen in Birma vor allem billige Rohstoffe, wie Holz, Jade und Öl. Wir wollen garantieren, dass gute Arbeitsplätze geschaffen werden und der Wohlstand eine gerechte Verteilung findet.

ZEIT ONLINE: Welche Schwerpunkte hat das Wahlprogramms der NLD noch?

U Tin Oo: Die Hauptziele der NLD sind freie Meinungsäußerung, innenpolitische Stabilität sowie ein Friedensabkommen mit den ethnischen Minderheiten. In einigen Teilen Birmas gibt es immer noch bewaffnete Konflikte. Außerdem verfolgen wir die Etablierung eines guten Gesundheits- und Bildungssystems.