Panzer im Zentrum, Militäraufmarsch in der großen Chang'an-Straße, Schüsse im Regierungsviertel: Geht man nach den wilden Gerüchten in der chinesischen Microblogger-Szene, dann muss Peking am 19. März in Aufruhr gewesen sein. Von Staatsstreich war die Rede. Zwei der Mächtigen Chinas sollen darin verwickelt gewesen sein, Zhou Yongkang und Jia Qinling, Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros, dem Zentrum der Macht in China .

Was nach längst vergessenen Revolutionstagen klingt, war aber offensichtlich eine sich selbst verstärkende Gerüchtespirale. Unruhen in Peking hat es keine gegeben. Die Blog-Postings zeigen aber eines: Chinas Führungselite in der Hauptstadt und in den Provinzen ist in erheblicher Unruhe. Am nächsten Tag waren sämtliche Einträge zum Thema verschwunden, Chinas Zensurbehörden arbeiteten ordentlich und verstärkten so nur den Eindruck des Intrigenspiels.

Erst kurz zuvor war Bo Xilai als Parteichef der Metropole Chongqing abgesetzt worden . Chongqing hat mit allen Bezirken und Kreisen fast 30 Millionen Einwohner und ist damit die größte der Stadt Welt. Als Chef dieser kraftstrotzenden Metropole war Bo potenzieller Anwärter auf einen Platz im Ständigen Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas.

Bo Xilai, der Mafiabekämpfer

Sieben der neun Sitze dort werden auf dem Parteitag im Oktober neu gewählt. Dann wird eine neue Generation von Staats- und Parteiführern antreten, die zuvor in komplizierten und nicht intrigenfreien Verfahren zusammengestellt werden wird, denn freie Wahlen gibt es in China bekanntlich nicht.

Laut den Gerüchten sollen Zhou Yongkang und Jia Qinling geplant haben, den als kommenden Staats- und Parteichef vorgesehenen Xi Jinping durch Bo Xilai zu ersetzen. Zhou, Jia und Bo sind tatsächlich nicht frei von Einfluss, genießen sie doch die Protektion des früheren Parteichefs Jiang Zemin . Bo ist zudem im Volk beliebt. Er hat sich in Chongqing als gnadenloser Anti-Korruptions- und Mafiabekämpfer präsentiert und mit neo-maoistischen Parolen die vermeintlich gute alte Zeit unter Mao Tse-tung beschworen. Gleichzeitig forderte er wieder mehr Staat für die chinesische Wirtschaft. In Zeiten zunehmender Spaltung zwischen Arm und Reich kam das alles gut an, nicht nur bei Traditionalisten.

Doch die auf Modernisierung bedachten Wirtschaftsliberalen um Premier Wen Jiabao konnten mit einem derart restaurativen Populisten in ihren Reihen nicht viel anfangen. Er galt als Unruhestifter. Unlängst warnte Wen daher auch gegen Bo und seine Anhänger gerichtet vor den schlimmen Folgen einer neuen Kulturrevolution wie sie einst von Diktator Mao angezettelt worden war.