In Frankreich streiten Politik und Ermittlungsbehörden über mögliche Fehler von Polizei und Geheimdienst bei der Aufklärung und Verfolgung der Mordanschläge von Toulouse und Montauban . Verteidigungsminister Gérard Longuet kritisierte die Ermittlungen ungewöhnlich deutlich. "Wir haben beträchtliche Zeit verloren", sagte Longuet dem Sender Canal+. "Bestimmte Leute" hätten nach den ersten beiden Attentaten auf Fallschirmjäger unbedingt gewollt, dass "in eine Richtung und nicht in alle Richtungen" ermittelt werde. Dabei bezog er sich auf die anfängliche Annahme der Ermittler, der Täter könne ein rassistischer Soldat oder Ex-Soldat sein.

Aufgrund dieses Verdachts seien 20.000 Akten des Militärs ausgewertet worden. "Das kostet Zeit", sagte Longuet. Angesichts eines Ereignisses von solcher Tragweite solle sich jeder Verantwortliche die Frage stellen: "Was hätte ich besser machen können?"

Geheimdienstchef Bernard Squarcini warf selbst Fragen nach Fehlern seiner Behörde auf. "Haben wir etwas verpasst? Waren wir schnell genug?" Er versicherte aber, dass der Täter Mohammed Merah nicht früher aufgespürt hätte werden können. "Es war unmöglich, am Sonntagabend zu sagen: 'Es ist Merah , man muss ihn festnehmen'", sagte Squarcini. Der Geheimdienstchef sprach von einem untypischen Einzeltäter, der nicht als gewaltbereiter Islamist eingestuft worden sei.

Auf Flugverbotsliste der USA

Merah hatte in Toulouse und Montauban insgesamt sieben Menschen erschossen, darunter drei Kinder und einen Religionslehrer vor einer jüdischen Schule. Zuvor hatte er bei zwei Angriffen drei französische Fallschirmjäger getötet. Die Taten hatten er indirekt zugegeben. Am Donnerstag erschossen Scharfschützen den 23-Jährigen nach 32-stündiger Belagerung seiner Wohnung in Toulouse.

Der Franzose algerischer Abstammung stand unter Beobachtung der Geheimdienste, weil er in Afghanistan und Pakistan war und dort auch Terror-Camps besucht haben soll. Wäre er am Schalter einer Fluggesellschaft aufgetaucht, wäre sofort der Inlandsgeheimdienst alarmiert worden, sagte Regierungschef François Fillon . Merah stand auch in den USA auf einer Flugverbotsliste des Geheimdienstes .

Premier verteidigt Ermittlungen

Besonders in der Kritik steht der Inlandsgeheimdienst DCRI. Nach dem ersten Attentat am 11. März, bei dem ein Fallschirmjäger der Armee in Zivil erschossen wurde, waren lediglich routinemäßige Ermittlungen angelaufen: Verteidigungsminister Longuet sagte, dass er sich Vorwürfe mache, sich nicht gleich eingeschaltet zu haben. Dann hätte bei den Ermittlungen vielleicht "Zeit gewonnen" werden können, denn der getötete Soldat war seinen Vorgesetzten als zuverlässig bekannt.

Erst nach dem zweiten Anschlag vier Tage später, bei dem zwei Fallschirmjäger in Uniform auf offener Straße erschossen und ein dritter lebensgefährlich verletzt wurden, wurden die Ermittlungen intensiviert. Außenminister Alain Juppé bestritt allerdings sofort einen Zusammenhang mit dem Einsatz der Armee in Afghanistan, obwohl die betroffene Einheit dort zum Einsatz kommt.