Die Präsidentschaftswahl 2012 in Frankreich ist ein Klassiker, aber einer mit postmodernem Dreh. Klassisch insofern, als die Front wieder zwischen rechts und links verläuft, wie stets seit 1789.

Der Klassencharakter der Konfrontation wurde in dieser Woche unter Beweis gestellt. Die Chefin des Unternehmerverbandes Medef wandte sich vehement gegen die Steuerpläne des sozialistischen Kandidaten François Hollande , wohingegen die Gewerkschaft CGT, die stärkste im Land, offen dazu aufrief, gegen Nicolas Sarkozy zu stimmen.

So weit, so übersichtlich. Der postmoderne Dreh aber verzwirbelt die Front: Die beiden führenden Kandidaten, Hollande und Sarkozy , bemühen sich derzeit sehr darum, das "Frankreich des Nein" zu gewinnen, obwohl sie doch alle beide zum "Frankreich des Ja" gehören. Was ist damit gemeint?

Als Frankreich 2005 in einer Volksabstimmung über den europäischen Verfassungsvertrag befinden sollte, waren Sarkozy und Hollande beide dafür. Doch rund ein Drittel der Rechten und, schlimmer noch, zwei Drittel der Linken stimmten dagegen, und sie waren die Mehrheit. Das ist das "Frankreich des Nein", um das die beiden nun kämpfen; es umfasst, wie neuere Umfragen zeigen, immer noch den größten Teil der Bevölkerung und sieht Europa eher als Problem denn als Lösung.

Hollande holt sich EU-Kritiker in sein Lager

Hollande war der Erste, der das Unbehagen an Europa aufgriff, indem er ankündigte, den Stabilitätspakt neu verhandeln zu wollen. Es folgten indirekte Signale: Er wertete Anfang dieser Woche die Rolle von Arnaud Montebourg und Aquilino Morelle auf; beide wollen mit Schutzzöllen an Europas Grenzen die Globalisierung eindämmen. Mehr noch: Am Mittwoch schloss er mit Jean-Pierre Chevènement ein politisches Bündnis und holte damit einen prononciert national orientierten Kritiker der EU ins eigene Lager.

Am Donnerstagabend dann verschärfte Hollande seine Position noch: Im Fernsehen verkündete er, die Ratifizierung des Stabilitätspaktes zu verhindern, wenn es nicht zu einem Konjunkturprogramm auf europäischer Ebene komme, finanziert durch gemeinsame Anleihen. Und wo er gerade dabei war, stellte er auch gleich die Beteiligung Frankreichs an der militärischen Nato-Führung infrage für den Fall, dass sein Land nicht bessere Posten bekäme und die europäischen Verteidigungsstrukturen nicht gestärkt würden – ein Zugeständnis an seinen neuen Verbündeten Chevènement.

Wem dieses Wedeln mit Ultimaten bekannt vorkommt, der kann sich mit einem Blick nach rechts vergewissern. Sarkozy ringt mit dem rechtsextremen Front National , angeführt von Marine Le Pen , um jene Schichten, die in Globalisierung und Europäisierung die beiden Übel sehen, die das gute alte Frankreich, wo alles schön, friedlich und hellhäutig war, schon fast ganz abgeschafft hätten.

Erpresserische Manöver stören Wähler nicht

Am vergangenen Sonntag hatte die Sarkopartei rund 50.000 Anhänger in einem Vorort von Paris versammelt. Die Rede des Kandidaten war ein Schock: Frankreich könnte den Schengen-Mechanismus aussetzen, wenn Neuverhandlungen nicht bald die Grenzen des Schengen-Raums versiegelten; außerdem drohte Sarkozy die einseitige Einführung eines buy european act sowie eines small business act für öffentliche Aufträge an, wenn die EU sich dazu nicht durchringen wolle. Damit wandte auch er sich explizit an das "Frankreich des Nein".

Tags darauf interessante Umfragen: 76 Prozent der Befragten befürworteten die erpresserischen Manöver, mit dem die beiden Gesetze herbeigeführt werden sollen, und 59 Prozent standen auch hinter der Schengen-Initiative. Nur Stunden später wurde die erste Befragung bekannt, der zufolge sich die Absichten, im ersten Wahlgang für Hollande oder Sarkozy zu stimmen, nur noch im Bereich des Messfehlers unterscheiden; weitere dieser Art folgten.

Gewiss, von heute aus gesehen würde Hollande zwar mit großem Abstand in der Stichwahl am 6. Mai führen. Aber selbst dieser Abstand verringert sich ein kleines bisschen. Genug immerhin, um besorgt nach links zu schauen – dorthin, wo die "Linksfront" des ehemaligen Sozialisten Jean-Luc Mélenchon am Wählerpotenzial Hollandes knabbert. Er ist zurzeit der eigentliche Gewinner: War er es nicht, der extrem hohe Spitzensteuersätze vorgeschlagen hatte? Und auch, dass im Ausland lebende Franzosen eine Sondersteuer zahlen müssen, damit sie nicht von günstigeren Sätzen profitieren? Hollande folgte ihm im ersten, Sarkozy im zweiten Fall.