Wenn am Montag US-Präsident Barack Obama und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zum neunten Mal in drei Jahren aufeinander treffen, geht es vor allem um Zweierlei: Um Vertrauensbildung und um eine gemeinsame Haltung gegenüber dem Iran . Das eine ist nicht ohne das andere denkbar.

Selbstverständlich werden beide auch ein paar Worte über den israelisch-palästinensischen Konflikt verlieren, aber er ist in den Hintergrund gerückt. Die Verhandlungen stecken in der Sackgasse, ebenso wie das Gespräch der beiden Staatsführer darüber.

Netanjahu kann Obama nicht verzeihen, dass er die Einstellung israelischer Siedlungspolitik öffentlich zu einer Voraussetzung und nicht zu einem Ergebnis von Friedensverhandlungen erklärt hat.

Obama nimmt Netanjahu übel, dass er halsstarrig am Bau neuer jüdischer Siedlungen festhält. Und dass er mit der Ankündigung weiterer Wohneinheiten in Ostjerusalem und dem Westjordanland etliche amerikanische Emissäre, einschließlich des Vizepräsidenten, immer wieder öffentlich vor den Kopf stößt.

Das Verhältnis der beiden ist seit jeher angespannt und wird angesichts des amerikanischen Vorwahlkampfs zusätzlich strapaziert. Doch die Choreographie von Netanjahus Amerikabesuch zeigt, dass beide ihre Beziehung nicht noch weiter belasten wollen.

Der Premier kommt als Gast des israelisch-amerikanischen Lobbyvereins Aipac, der seine Jahreskonferenz in Washington hält. Doch Vortritt auf dieser hochpolitischen Tagung hat Obama. Er spricht bereits zum Auftakt am Sonntag – und setzt damit den Ton. Netanjahu wird erst am Tag danach auftreten – und auch erst nach seinem Vier-Augen-Gespräch mit dem Präsidenten.

Die drei republikanischen Präsidentschaftskandidaten dürfen erst am Ende reden. Mitt Romney , Newt Gingrich und Rick Santorum, diese drei Eiferer in Sachen Israel und Iran , die lieber heute als morgen die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen und Amerikas Flotte in den Persischen Golf schicken würden, sollen auf keinen Fall die Konferenz dominieren.

Gleichwohl werden alle sich den Iran vorknöpfen und einen scharfen Ton anschlagen, auch Obama. Zum einen weil die Zeit drängt, zum anderen weil man mit einer harten Haltung in Wahlkampfzeiten Punkte machen kann.

Die große Frage wird aber sein: Werden Obama und Netanjahu trotz aller persönlichen Gegensätze und unterschiedlichen Einschätzungen Vertrauen zueinander fassen? Zumindest so viel, dass Israel keine voreiligen Schlüsse zieht und einen militärischen Alleingang anstrebt?

Die Obama- und die Netanjahu-Regierung beurteilen die Iran-Gefahr unterschiedlich. Für Israel steht fest, dass der Iran um jeden Preis nach atomwaffenfähigem Material – und damit zugleich nach der Atombombe strebt. Für Israel ist es bereits eine Minute vor zwölf und Netanjahu droht damit, notfalls selber militärisch loszuschlagen, solange man dies noch mit einigen Waffen kann.

Amerikas Generalstaatschef jedoch hat gerade zum Ärger Israels öffentlich erklärt, dass noch viel Zeit sei und ein israelischer Angriff im Augenblick nur großen Schaden anrichten würde. Amerika will erst einmal die Wirkung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran abwarten – und die Daumenschrauben notfalls noch einmal anziehen. Israel entgegnet, bis dahin könne es zu spät und Irans Weg zur Atommacht nicht mehr umkehrbar sein.

Dieser Disput lässt sich einstweilen nur lösen, indem die beiden Staatsführer Vertrauen zueinander gewinnen und einander Garantieversprechen leisten. Obama muss darauf bauen können, dass Israel nicht eigenmächtig handelt, sondern nur in Abstimmung mit den Vereinigten Staaten. Dass letztendlich Amerika die Entscheidung trifft, und Netanjahu zunächst einmal der Sanktionspolitik tatsächlich eine Chance gibt.

Netanjahu wiederum will von Obama wissen, wann für Amerika die rote Linie erreicht ist und die Supermacht sagen wird: Stopp, der Iran ist zu weit gegangen, jetzt bleibt nur die militärische Antwort! Israel möchte darauf vertrauen können, dass Amerika nicht wie einst bei Pakistan tatenlos zuschaut und jetzt mit dem Iran eine weitere unberechenbare Regierung in den Besitz der Atombombe gelangt.

Mancher sagt, Benjamin Netanjahu könnte geneigt sein, noch vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl loszuschlagen, um Obama so unter Zugzwang zu setzen und Solidarität einzufordern. Denn unter Rücksicht auf seine jüdischen Wähler bliebe ihm keine andere Wahl.

Doch so sehr Netanjahu die Provokation liebt , er ist auch ein Pragmatiker und weiß, dass Obama durchaus wiedergewählt werden könnte. Und wer will es sich mit dem nächsten Präsidenten ein für allemal verscherzen?