Istanbul. Wir sitzen auf Plastikstühlen am Wasser. Zwei, drei Stunden, vielleicht auch länger. Der Tag ist klar, die Sonne steht tief hinter dem Häusermeer. Ich studiere in dieser Stadt. Meinen Freund zwang seine Geschichte hierher.

Mein Freund ist ein Verräter. Sein Name steht auf der 42. Blacklist des syrischen Staates, weil er den Militärdienst verweigert hat. Er sitzt neben mir und blinzelt, als ich ihn frage, warum er ihn nicht einfach abgeleistet hat, wie jeder andere Mann auch. "Weil es keinen Sinn hat", sagt er. "Ich möchte meinem Land mit meiner Bildung dienen und nicht mit einer Waffe."

Statt zu dienen, ließ er sich lange Haare wachsen und hörte Heavy-Metal-Musik. Eines Tages besuchte ihn die Staatssicherheit auf seiner Arbeitsstelle. "Satanist", nannten sie ihn. Er lacht, als er das sagt.

Er wurde zum Verräter. Illegal im eigenen Land. Gesucht, keinen Reisepass, keinen Führerschein, keine Hochzeit, keine offizielle Arbeit. Alles ist ein Problem als Militärdienstverweigerer. Sein lückenhaftes Militärbuch machte es ihm unmöglich, sein Studium in Syrien abzuschließen. "Ich möchte noch weiter studieren. Das akzeptieren sie nicht. Warum zerstören sie uns die Zukunft?", sagt er zu mir.

Sieben Jahre versteckte er sich. Der psychische Druck ließ seine Haare grau werden. Manchmal ließ sich eine Gefahr mit etwas Geld abwenden. "Staat ist für mich Polizei, Korruption und Ungerechtigkeit. In was soll ich Vertrauen?", fragt er mich. "Ich möchte einfach an die Menschlichkeit glauben."

Im Jahr 2006 fing er ehrenamtlich bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond an. So fand er schließlich Arbeit bei den Vereinten Nationen. Doch dann begann die Revolution. Die Vereinten Nationen beendeten ihr Engagement. Es wurde kompliziert für ihn, er musste das Land verlassen.

Er ist 29 Jahre alt, hat noch nie gewählt oder ein Bankkonto besessen. Ich will wissen, was für ihn Syrien bedeutet. "Striche auf einer Landkarte, ein abgestecktes Gebiet." Es klingt sehr nüchtern, ich fühle mich ernüchtert. Das Wort Zuhause benutzt er fast nie.

Das Wasser rauscht gegen die steinerne Ufermauer unter uns. "War deine Familie am Wochenende wählen?", frage ich. Er sieht mich an, als hätte ich nichts verstanden. "In Syrien wählen wir nicht. Wir gehen zu der esteftaa. Das bedeutet Zustimmung und meine Familie will nicht zustimmen."

"Natürlich", sagt er und zieht lange an seiner Zigarette, "manchmal bin ich wütend, dass diese Menschen meine Prinzipien nicht verstehen. Letztendlich richtet sich die Wut aber doch immer gegen das System." Er sieht aber nicht wütend aus, nur traurig.