"Die Kämpfer aus Misrata wollten, dass nichts mehr Schönes in Sirte übrig ist", sagt Ahmed*. Der 39-Jährige steht auf der großen Marmorfläche vor Muammar al-Gaddafis prächtiger Konferenzhalle namens Ouagadougou in Sirte. Die Wände sind von Einschusslöchern übersät, durch die zerschossenen Fenster weht der Wüstenwind ungehindert ins Innere des Gebäudes.

Hinter Ahmed hängt ein Banner mit der Aufschrift "Wir feiern den ersten Jahrestag der Revolution ", daneben prangt die rot-schwarz-grüne Fahne des neuen Libyens . Zwischen all den Trümmern wirkt die feierliche Botschaft wie Hohn. "Der Großteil des Gebäudes wurde zerstört, nachdem Gaddafi schon tot und die Kämpfe vorbei waren", sagt Ahmed und schüttelt den Kopf.

Als die Rebellen im August Tripolis überrannten, floh Gaddafi in seine Heimat Sirte . Während der vierwöchigen Belagerung beschossen die Revolutionäre die Stadt mit Artillerie, Grad-Raketen und Mörsern, um den Diktator und seine Anhänger in die Knie zu zwingen.

Nach dem Ende der Kämpfe war Sirte umfassender zerstört als irgendeine andere Stadt in Libyen. Kaum ein Gebäude hat nicht wenigstens ein paar Einschusslöcher, vielen fehlen Wände, andere haben metergroße Löcher im Dach.

Arbeit haben in Sirte heute die wenigsten

Vor dem Bürgerkrieg war Sirte die Lieblingsstadt Gaddafis. Hier lebte ein Großteil seiner Familie und seiner Anhänger. Hier sollte der Sitz der Regierung der Vereinigten Staaten von Afrika sein, deren Präsident Gaddafi sein wollte. Das Konferenzzentrum Ouagadougou und viele andere teure Projekte in der Stadt waren Teil dieses Plans.

Noch heute bestimmt das die Wahrnehmung der Stadt im Rest des Landes: "Die Leute in Libyen denken, dass jeder in Sirte ein Millionär ist", sagt Ahmed. "Doch das ist nicht wahr." Er selbst wohnt mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern in einer kleinen Dreizimmerwohnung zur Miete. Früher arbeitete er als Fahrer bei einem türkischen Bauunternehmen. Als die Revolution losbrach, verließ die Firma das Land. Seitdem ist Ahmed arbeitslos, wie so viele andere in Sirte.

"Sie haben mich tagelang geschlagen"

"Meine Eltern und ich waren immer gegen das Regime", sagt Ahmed. Dessen Willkür musste der 39-Jährige auch am eigenen Leib erfahren: Nach einem Streit an seinem Arbeitsplatz wurde er für einige Tage ins Gefängnis gesperrt. Was er dort erlebte, ließ die Wut auf Gaddafi noch wachsen. "Sie haben mich tagelang geschlagen und mir meine Medikamente nicht gegeben", sagt Ahmed. "Ich leide an Diabetes." Noch heute hat er Angst, dass ihn irgendjemand angreifen könnte; deshalb nennt er seinen richtigen Namen nicht.

Bei aller Erleichterung über das Ende der Diktatur fällt es Ahmed – wie den meisten Menschen in Sirte – schwer, gute Worte für die Revolution zu finden . Vor allem den Milizen aus Misrata werfen sie vor, ihre Stadt böswillig zerstört zu haben. "Die Kämpfer aus anderen Städten haben uns mit Respekt behandelt. Die Mistratis hingegen haben wahllos getötet und gestohlen. Selbst Hühner und Schafe haben sie geraubt", sagt Ahmed.

Misrata liegt drei Stunden westlich von Sirte. Gaddafis Truppen belagerten die Stadt monatelang, töteten Tausende Zivilisten; bei den Kämpfen wurden auch dort ganze Straßenzüge in Schutt gelegt . Unter großen Opfern schafften es die Rebellen dort, die Stadt zu befreien. In Sirte sagen nun viele, die Kämpfer aus Misrata seien selbst zu Tätern geworden, als sie zum Angriff übergingen.