Mindestens 6.000 Todesopfer hat der Krieg der Maoisten in den vergangenen Jahrzehnten gefordert – doch bisher keine Ausländer. Ein Grund, warum viele im Westen diesen permanenten Kriegszustand in weiten Teilen Indiens bisher kaum zur Kenntnis nahmen. Doch das könnte sich jetzt ändern. Denn zum ersten Mal seit dem Beginn des maoistischen Aufstands in den späten Sechzigern haben sich die Maoisten an Westlern vergriffen.

Wie ein Parteisprecher der Maoisten an die Medien mitteilen ließ, befinden sich seit dem 17. März zwei Italiener in der Hand der Guerilla. Jetzt drohen die Rebellen mit der Tötung der Entführten, sollte die Regierung einem langen Forderungskatalog der Maoisten nicht nachkommen.

Bei den italienischen Geiseln handelt es sich um den Indien-erfahrenen Reiseunternehmer Paulo Bosusco (54) und den Touristen Claudio Colengelo (61). Sie wanderten im ostindischen Bundesstaat Odisha durch den Urwald, als die Rebellen sie überwältigten. Sabyasachi Panda, Sekretär des Staatskomitees der Kommunistischen Partei Indiens – maoistisch (CPI-m), bekannte sich im Namen der Partei per Tonbandaufnahme zu der Entführung.

50.000 Kämpfer hat die Guerilla-Armee

Das Band erreichte am Sonntag mehrere indische Nachrichtensender, nachdem sich der indische Fahrer sowie der ebenfalls indische Reiseführer der Gruppe bereits wieder in Freiheit befanden. Später zeigte ein Foto in der Zeitung Hindu die Geiseln unter lachenden Ureinwohnern und Guerilleros. Doch die Sache ist ernst.

In einer 13-Punkte-Erklärung fordert die CPI-m für die Freilassung der Geiseln eine umfangreiche Amnestie ihrer inhaftierten Mitglieder sowie den Rückzug indischer Polizeitruppen. Diese durchkämmen derzeit in einer Großoffensive die zentral- und ostindischen Dschungelgebiete, die der 50.000 Mann starken Guerilla-Armee als Rückzugsorte und "befreite Gebiete" dienen. Die Regierung des Bundesstaates Odisha wies die Forderungen der Rebellen zurück. Verhandelt werde erst nach Freilassung der Geiseln, so die Regierung.

Einer der Entführten, Paulo Bosusco, lebt seit mehr als zehn Jahren in der Stadt Puri in Odisha. Er organisiert Reisen zu Ureinwohnern in entlegene Urwaldgebiete, die aufgrund der andauernden Kämpfe mit der Guerilla nicht von Touristen bereist werden dürfen. Die Reisen galten dennoch als sicher, weil die Maoisten bisher jeden Kontakt mit Ausländern mieden und weder ausländische Touristen, Journalisten oder NGO-Leute je in Gefahr brachten.