Das Klima in der Hauptstadt des Nordens ist genauso unberechenbar wie die Situation des Landes, in dem sie liegt. In Masar-i-Scharif sollte man sich nie auf das Wetter verlassen, sagen die Afghanen. Doch dieses Mal am Ende des afghanischen Monats Hut wundert sich sogar so mancher Masari.

Weiße Flocken fallen auf die Basarstraßen rund um die Blaue Moschee. Ein eisiger Wind fegt durch die Stadt, in deren Nähe sich das Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan befindet. Gestalten, die unter ihren langen braunen Decken nur zu erahnen sind, eilen vorbei. Bärtige Männer wärmen sich an einem Fladenbrotofen die Hände auf. Selbst die Geldwechsler und Telefonkartenverkäufer haben das Feld geräumt.

Es ist der Vorabend von Norouz, dem persischen Neujahrsfest, das im iranischen Kulturraum zur Tag-und-Nacht-Gleiche gefeiert wird. Traditionell wird an Norouz der lang erwartete Frühling begrüßt. Masar-i-Scharif ist in Afghanistan berühmt für seine große Neujahrszeremonie, zu der aus dem ganzen Land Tausende in die Stadt strömen. Doch der Frühling will dieses Mal einfach nicht so recht ankommen.

Dabei hat es tags zuvor schon ein paar Sonnenstrahlen am Schrein von Hazrat Ali gegeben. Nach dem Glauben vieler Afghanen soll der Schwiegersohn des Propheten Mohammed in Masar-i-Scharif begraben liegen. An diesem das neue Jahr zu beginnen, ist besonders glücksverheißend.

Zwei Tage dauerte die Reise

Hadschi Aslan und Musa Dschan haben dafür einen langen Weg auf sich genommen. Regungslos sitzen die alten Männer auf einer weißen Decke, die sie im Hof der Moschee ausgebreitet haben. Die einzige Bewegung stammt von den hölzernen Gebetsketten, die sie langsam durch ihre Hände wandern lassen.

Zwei Tage war Hadschi Aslan aus seiner Heimatprovinz Herat unterwegs. Die Reise hat ihn 1.700 Afghani gekostet, rund 27 Euro. Lang und gefährlich ist die Route, die über Kandahar und Kabul nach Masar-i-Scharif führt. In Kandahar stieg Musa Dschan hinzu. Die beiden wurden unterwegs Freunde. Man könnte meinen, sie würden sich schon seit Ewigkeiten kennen.

"Norouz ist unsere Tradition. Es gab sie sogar schon vor dem Islam. Wir sind Arier, deshalb kommen wir hierher", erklärt Musa Dschan. Er hält kurz inne. "Wie ihr Deutschen." Hadschi Aslan nickt zustimmend und wiederholt murmelnd in seinem Bart wie ein Echo jedes Wort seines Freundes.

"Wir müssen neutral bleiben"

Musa Dschan ist 55 Jahre alt, ein kräftiger Paschtune mit gebräunter Haut und seidenem Turban. Er ist vom Stamm der Popalzai, dem auch Hamid Karzai angehört. Sein Dorf liegt in der Provinz Kandahar, Distrikt Maywand. Diese Gegend ist Operationsgebiet der Taliban. Männer aus der Nachbarschaft seien das, die im Winter nach Pakistan verschwänden und im Frühling mit Geld und Waffen wiederkämen. Die afghanische Armee mache ihre Arbeit zwar gut, meint Musa Dschan. Aber von Sicherheit könne noch keine Rede sein.

Die Menschen in seiner Heimat stehen vor einem Dilemma: "Wenn wir mit der Regierung kooperieren, werden wir von den Taliban angegriffen. Wenn wir uns aber auf die Seite der Taliban stellen, greift uns die Regierung an. Also müssen wir neutral bleiben", sagt Musa Dschan. Bei der Neujahrsfeier möchte er für Afghanistans Zukunft beten. Deshalb ist er nach Masar gekommen. Was die größten Probleme des Landes seien? Unsicherheit und Armut, sagen Musa Dschan und Hadschi Aslan wie aus einem Munde.