Nordkorea ist wahrlich kein Land für positive Nachrichten. Das mag mehrere Gründe haben, aber das Verhalten des repressiven Regimes in den vergangenen drei Jahren ist zweifellos der triftigste: ein (zweiter) Atomtest 2009, gewaltsame Konfrontationen mit dem koreanischen Bruderfeind im Süden, die Offenbarung einer überraschend fortgeschrittenen Nuklearanlage zur Urananreicherung. Nicht zuletzt sorgte die Volksrepublik nach dem Ableben Kim Jong Ils im Dezember vergangenen Jahres für weltweite Sorge über die Stabilität in Nordostasien.

Der Deal, den Kim Jong-Uns Diplomaten mit Vertretern der Obama-Regierung in Peking eingegangen sind, fällt auf den ersten Blick nun offensichtlich aus der Reihe. Das Regime willigt ein, auf weitere Atom- und Langstreckenraketentests zu verzichten und seinen Atomkomplex in Yongbyon (samt Urananreicherungskomplex) außer Betrieb zu nehmen. Die dortigen Plutoniumanlagen sollen abgebaut werden – all das unter den Augen von Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation. Kein geringes Zugeständnis, um 240.000 Tonnen an Nahrungsergänzungsmitteln und das altbekannte Lippenbekenntnis der USA zu erhalten, man hege keine "feindseligen Absichten".

Was steckt nun tatsächlich hinter dieser überraschend wohlwollenden Offerte des Jünglings Kim Jong-Un? Die Bereitschaft zu einer nachhaltigen kooperativen Wende in den Beziehungen zur Außenwelt? Wohl kaum. Auch wenn sich über die Motive mal wieder reichlich spekulieren lässt, das Gegenteil ist richtig: Kims Moratoriumsgelübde darf als Ausdruck seiner Bestrebung betrachtet werden: Er will das von seinen väterlichen und großväterlichen Vorgängern geschaffene nukleare Erbe fortsetzen. Auf nichts ist Kim beim Ausbau seiner inneren Macht- und Legitimationsbasis mehr angewiesen: auf den Schein der Kontinuität.

Aber damit sieht er sich angesichts der desolaten wirtschaftlichen und humanitären Situation des Landes mit einem handfesten Dilemma konfrontiert. Denn mittlerweile ist auch den Potentaten nördlich des 38. Breitengrades klar geworden, dass die Zukunft ihrer Herrschaft nicht mehr allein mit dem Stolz einer Atommacht zu retten ist – aber auch nicht ohne. Wenn am 15. April der lang ersehnte 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung begangen wird, ist Kim auf eine geschlossene und zufriedene Bevölkerung angewiesen und nicht auf eine hungrige. Was sollte das vollkommen verarmte Land anderes tun, um rasch an Nahrungsgüter zu gelangen, als seinen unveräußerlichen "nuklearen Trumpf" auszuspielen? Das hat in Nordkorea System. Vater Kim Jong-Il hat es seinem Sohn schließlich häufig genug vorgemacht.

Jedoch: Zum Status quo gehört auch das Festhalten an den ideologischen Grundfesten Chuch'es, dem nordkoreanischem Dogma der Selbstbehauptung. In dieses Legitimationsfundament ist die Atomwaffendoktrin der Volksrepublik, die bereits im Besitz von etwa sechs bis acht Atomwaffen sein dürfte, seit jeher eingebettet. Vor diesem Hintergrund erscheint die allseits beschworene "Entnuklearisierung" jenseits partieller und reversibler Einschnitte und Inspektionen als Schimäre.

Spiel auf Zeit oder echtes Interesse an Gesprächen?

Zwei Szenarien über den unmittelbaren Fortgang des Atomkonflikts erscheinen mit Blick auf die Historie besonders plausibel: Entweder spielt Kim Jong-Un vorsätzlich auf Zeit, und seine nuklearen Absichtsbekundungen sind nichts weiter als Schall und Rauch. Die Führung würde sich so lange kooperativ zeigen, bis sie die erhofften Nahrungslieferungen erfolgreich "erpresst" hätte, die Kriegsrhetorik gegenüber dem Ausland wieder ankurbeln und sich schließlich wieder auf den Pfad der atomaren Rüstung begeben. Gelegenheiten dazu wird es geben. Beispielsweise wenn die Umsetzung des Moratoriums verhandelt wird – und sich abermals die Details zu unüberwindbaren diplomatischen Stolpersteinen entwickeln.

Oder aber es kommt tatsächlich zur Wiederaufnahme der längst totgesagten Sechsparteiengespräche (Nord- und Südkorea, China, USA, Russland, Japan) mit handfesten Ergebnissen. Aus Sicht der internationalen Gemeinschaft wäre dies – fernab eines Regimezusammenbruchs – die wohl wünschenswerteste aller Aussichten: Mit den Wiener Inspektoren vor Ort gewönne man Erkenntnisse über Nordkoreas Urananreicherung und zudem die Gewissheit, dass der nuklearen Weiterentwicklung (zumindest in Yongbyon) vorerst ein Riegel vorgeschoben würde.

Welches Interesse Pjöngjang seinerseits an einer vitalisierten Sechserdiplomatie haben könnte, daraus macht die Führung selbst keinen Hehl: Die Aufhebung amerikanischer und multilateraler Sanktionen und die Lieferung alternativer Kernenergieanlagen. Doch auf eine derartige Neuauflage des "Genfer Rahmenabkommens" von 1994 würden sich die USA und ihre Verbündeten in Seoul und Tokio nur unter der Bedingung einlassen, dass sich Nordkorea zuvor seiner nuklearen Trumpfkarte vollständig entledigt hätte. Ein langjähriger Trugschluss. Der Atomkonflikt wird bleiben.