Das Ende des Kalten Krieges hat die Welt bekanntlich multipolar werden lassen. Es sind neue Machtakteure aufgetreten und es herrscht allgemein eine erstaunliche Einigkeit. Zumindest wenn man nach den Erklärungen der G-8- und G-20-Gipfel oder den UN-Verhandlungen geht. Generelle Ziele wie Wirtschaftswachstum und Freihandel, Begrenzung des Klimawandels und des Artensterbens, Reform der Finanzmärkte oder Beseitigung der Armut sind Konsens. Zeitdiagnostiker wie Francis Fukuyama haben deswegen die Rhetorik des Philosophen Hegel vom "Ende der Geschichte" wiederbelebt.

Doch bei aller normativen und ideologischen Konvergenz mangelt es an Instrumenten, Institutionen und Akteuren, den Konsens in die Realität umzusetzen. Ein Beispiel dafür ist das fast weltweit beschworene Zwei-Grad-Ziel , also die von einem Großteil aller Staaten bekräftigte Absicht der Weltgemeinschaft, die vom Menschen gemachte Erderwärmung auf zwei Grad gegenüber dem Basisjahr 1880 zu begrenzen. Mangels weltweit verbindlicher Abkommen steuert die Welt aber faktisch auf eine Erwärmung von weit mehr als zwei Grad zu und damit auf gefährliche Kipppunkte, die die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzt.

Woran liegt das? Gibt es unüberwindbare Interessensunterschiede ? Sehen und beurteilen die Menschen die Weltlage anders, folgen sie unterschiedlichen Werten? Oder ist es nur kurzsichtige Nutzenmaximierung? Andere Zeitdiagnosen sehen Kultur- oder Zivilisationsunterschiede als Ursachen verweigerter Kooperation. Ob Kultur nun ein Hindernis oder ein Beschleuniger für Zusammenarbeit darstellt, hängt jedoch davon ab, was man unter diesem Begriff genau versteht.

Die Forschung weiß wenig über den Faktor Kultur

Hält man Kultur für eine unauflösliche, schwer transplantierbare Substanz, dann unterstellt man – wie Samuel P. Huntington – eher einen Konflikt zwischen den Kulturen. Betrachtet man hingegen kulturelle Differenz – und das nicht nur zwischen Ethnien und Religionen, sondern auch zwischen Geschlechtern und Generationen, zwischen Oben und Unten, Mentalitäten und Milieus – als die Normalbeziehung moderner Gesellschaft, dann wird man sich um Bedingungen bemühen, unter denen diese unterschiedlichen Welten gemeinsame Ziele am besten verwirklichen können.

Es ist erstaunlich, wie wenig die Forschung über den Faktor Kultur bislang weiß. Kooperation wird überwiegend in kleinen Gruppen untersucht, die gemeinsame Ziele erreichen wollen. Dabei unterstellt man vor allem eine Nutzengemeinschaft und einen gemeinsamen Kulturhintergrund. Wo Kooperation aber wider Erwarten nicht zustande kommt, wird dann mit der Kultur argumentiert – erst um das Scheitern zu erklären, aber auch, um es zu überwinden oder abzuwenden. Wie Kooperation in größeren Gruppen, in internationalen Großorganisationen oder gar zwischen Gesellschaften funktioniert, die kulturell auf die eine oder andere Weise verschieden sind, bleibt ein Rätsel.