Wer Herman Van Rompuy in seinen ersten Wochen als EU-Ratspräsident beobachtete, bekam das Gefühl, dieser Mann soll die Euro-Krise einfach einschläfern. Monoton, ohne Höhen und Tiefen trug er seine ersten Stellungnahmen zur Krise vor, natürlich abgelesen. Es waren jene Wochen, in denen ihm der britische Rechtspopulist und EU-Abgeordnete Nigel Farage im Europaparlament das "Charisma eines feuchten Lappens" und das "Auftreten eines armseligen Bankschalterangestellten" attestierte.

Gestern Abend ist Van Rompuy nicht nur in seinem Amt als EU-Ratspräsident bestätigt worden , sondern wurde von den 27 Staatschefs der EU auch zum Vorsitzenden der Euro-Gipfeltreffen gewählt. Wie war das möglich?

In der einfachen Antwort ist Van Rompuy eine Marionette deutsch-französischer Interessen. Der heutige Parlamentspräsident Martin Schulz ( SPD ) etwa vertrat schon früh die These, Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wollten ein deutsch-französisches Direktorium installieren. Ein rhetorisch gewiefter Ratspräsident mit eigenem Machtego vom Schlage eines Tony Blair – der ursprünglich im Gespräch war – hätte das verhindert. So fiel die Wahl schließlich auf Herman Van Rompuy, das Sandmännchen der Euro-Krise.

Konkurrenz zur Kommission

Nur greift diese Antwort längst zu kurz. Mit jedem Monat der Euro-Krise erarbeitete sich Van Rompuy mehr Respekt der Regierungschefs – und schließlich auch Einfluss. Im Sommer 2010 begann die Marionette selbst zu laufen: Van Rompuy legte mit einer Task-Force-Gruppe Vorschläge zur Lösung der Währungsprobleme vor. Dabei wäre das eigentlich eine ureigene Aufgabe der EU-Kommission gewesen. Vor allem Kommissionspräsident José Manuel Barroso gefiel das gar nicht. "Der Europäischen Kommission ist in dieser Phase ihre Führungsrolle abhanden gekommen", sagt ein Brüsseler Spitzenpolitiker.

Zugleich aber gewann der Belgier den Respekt fast aller Mitstreiter, sogar bei jenen, die sonst im Kommissionsgebäude sitzen. "Als einen sehr geschickten Taktiker" bezeichnet etwa Währungskommissar Olli Rehn den überzeugten Europäer Van Rompuy. Während Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker gefühlte dreimal pro Woche in Zeitungsinterviews Lösungen für die Euro-Krise präsentiert, sind die Gespräche mit Herman Van Rompuy in Zeitungen jenseits Belgiens etwa so häufig wie Weihnachtsansprachen der Bundeskanzlerin. Das kommt nicht nur in Berlin gut an.

Haiku auf niederländisch

Dabei ist der 64-Jährige früher nicht so verschlossen gewesen, wie es heute scheint. Der Christdemokrat war aktiver Blogger, auf seiner Homepage berichtet er schon seit 2005 von privaten Afrika- und Australienreisen, von Fußballspielen des RSC Anderlecht und seinen drei Enkelkindern. Noch im Januar veröffentlichte er ein Haiku-Gedicht auf niederländisch.

Und doch hält sich die Eitelkeit bei ihm in sehr engen Grenzen. Er arbeitet eher für die Sache als fürs Image. "Er war immer in der Lage, ein Problem systematisch zu analysieren und auf seine Grundprobleme zu reduzieren. Dann suchte er Schritt für Schritt nach einer Lösung", sagt ein Weggefährte aus seiner Zeit als Dozent an der Vlaamse Economische Hogeschool in Brüssel.