"Russland wird im Westen noch immer missverstanden" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Chruschtschow, Wladimir Putin wurde in Russland als neuer, alter Präsident bestätigt. Keine Überraschung, oder?

Sergej Chruschtschow: Nein, das Wahlergebnis bestätigt ungefähr die prozentuale Unterstützung, die Putin in der Bevölkerung genießt. Es ist gut, dass es in Russland jetzt eine wachsende Opposition gibt. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, dass diese Opposition, die außerdem sehr heterogen ist, die Mehrheit verkörpert.

ZEIT ONLINE: In westlichen Medien wie auch in Russland wird Putin Wahlbetrug vorgeworfen.

Chruschtschow: Ich schließe nicht aus, dass bei der Stimmenauszählung einige Vertuschungen stattgefunden haben . In diesem Zusammenhang erinnere ich aber gerne daran, dass die Französische Revolution zwar 1789 stattfand, doch die Konsolidierung der französischen Demokratie erst unter de Gaulle vollzogen wurde. Und wie lange hat es gedauert, bis Deutschland politisch im Westen verankert war?

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Chruschtschow: Der Westen ist etwas ungeduldig mit Russland , einem Land, indem sich lange Zeit keine demokratische Strukturen westlicher Prägung entfalten konnten. Russland wird im Westen noch immer missverstanden.

ZEIT ONLINE: Ist Putin ein Westler, ein Slawophiler oder ein Eurasier? In welche der drei Denkschulen, welche die russische Geschichtsphilosophie prägen, würden Sie seine Politik einordnen?

Chruschtschow: Putin passt in keine dieser Kategorien, zumindest nicht eindeutig. Bisweilen agiert er wie ein Westler. Seine Reformpolitik, die Entmachtung der Oligarchen, aber auch die forcierte Modernisierung der Gesellschaft erinnern entfernt an die Zeit, als der Zar Peter der Große Russland gegenüber dem Westen öffnete. Andererseits erinnern die Verteidigung seines Politikstils gegenüber der Kritik aus dem Westen und seine demonstrative Nähe zur orthodoxen Kirche an die slawophile Geschichtsphilosophie. Das alles wird aber überschattet von einem sowjetischen Stallgeruch, einer nicht unerheblichen Prägung durch seine Zeit beim KGB . Es wäre aber völlig falsch anzunehmen, Putins Politik sei eine verlängerte Form des Sowjetregimes. Davon ist Russland heute Lichtjahre entfernt.

ZEIT ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für die politische Zukunft Russlands: Der Aufstieg Chinas , die Nato-Osterweiterung der vergangenen Jahre oder der militante Islamismus im Kaukasus ?

Chruschtschow: Ich sehe in keiner der drei genannten Entwicklungen eine elementare Gefahr für Russland, weil es keine globale Supermacht mehr ist. Russland wird natürlich weiter eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel als Bindeglied zwischen der EU und China . Auch die Unruhen im Kaukasus sind bei allem Blutvergießen doch nicht existenzgefährdend für die Einheit Russlands, ebenso wenig der steigende Anteil von Muslimen in der Bevölkerung. Russland war schon immer ein Vielvölkerstaat. Nein, ich bin, was die Zukunft Russlands angeht, relativ optimistisch gestimmt.

"Für uns war es gefährlich, sich politisch zu äußern"

ZEIT ONLINE: Ein anderes Thema: Fast auf den Tag genau vor 59 Jahren starb Josef Stalin . Wie haben Sie als damals 17-jähriger Sohn eines der engsten Mitarbeiters und späteren Nachfolger Stalins diesen Tag in Erinnerung?

Chruschtschow: Es war ein schrecklicher Tag. Für uns brach eine Welt zusammen, so als wäre Gott gestorben. Mit meinen Freunden zog ich los, um den aufgebahrten Leichnam Stalins im Kreml zu sehen. Die Straßen Moskaus waren überfüllt. Es kam zur Massenpanik, viele Menschen starben. Ich kam an diesem Tag erst sehr spät nach Hause. Meine Eltern waren in großer Sorge, hatten schon die Polizei informiert. Mein Vater war sehr nervös. Erst später erfuhr ich warum. Der Machtkampf um die Nachfolge Stalins war in vollem Gange, mein Vater fürchtete um sein Leben. Schließlich setzte er sich gegen seine Widersacher Beria und Malenkow durch.

ZEIT ONLINE: Drei Jahre später brach ihr Vater in seiner berühmten Geheimrede auf dem KPdSU-Parteitag mit seinem Vorgänger, benannte dessen Verbrechen und leitete die sogenannte Entstaliniserung ein. Wann hat sich Ihr Vater erstmals negativ über Stalin geäußert, dessen Politik er ja bis zu dessen Tod aktiv unterstützt hatte?

Chruschtschow: Mein Vater hat sich zu Stalins Lebzeiten niemals privat über ihn geäußert. Das wäre viel zu gefährlich gewesen. Während des großen Terrors waren viele Mitarbeiter Stalins sowie Eliten aus der Partei- und Staatsführung ermordet oder deportiert worden, samt ihren Familien.

ZEIT ONLINE: Ihr Vater hatte Angst?

Chruschtschow: Für uns als Angehörige der Nomenklatura war es noch gefährlicher als für das einfache Volk, sich politisch zu äußern. Stalin pflegte seine Mitarbeiter spätnachts anzurufen, um politische Fragen zu erörtern. Wehe dem, der sich dabei verplapperte oder Misstrauen erregte. Mein Vater verbat mir, Telefonanrufe aus Stalins Büro entgegenzunehmen, so weit reichte die Angst.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Stalin und Ihrem Vater verändert?

Chruschtschow: Mein Vater traf Stalin 1925 zum ersten Mal persönlich. Anfangs war er begeistert, wie die meisten Angehörigen seiner Generation. Aber mit den Folgen der Kollektivierung, der daraus resultierenden Hungersnot, mit dem großen Terror, spätestens aber mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden ihm die negativen, katastrophalen Auswirkungen dieser Politik – für die er auch verantwortlich war – bewusst.