ZEIT ONLINE: Ein anderes Thema: Fast auf den Tag genau vor 59 Jahren starb Josef Stalin . Wie haben Sie als damals 17-jähriger Sohn eines der engsten Mitarbeiters und späteren Nachfolger Stalins diesen Tag in Erinnerung?

Chruschtschow: Es war ein schrecklicher Tag. Für uns brach eine Welt zusammen, so als wäre Gott gestorben. Mit meinen Freunden zog ich los, um den aufgebahrten Leichnam Stalins im Kreml zu sehen. Die Straßen Moskaus waren überfüllt. Es kam zur Massenpanik, viele Menschen starben. Ich kam an diesem Tag erst sehr spät nach Hause. Meine Eltern waren in großer Sorge, hatten schon die Polizei informiert. Mein Vater war sehr nervös. Erst später erfuhr ich warum. Der Machtkampf um die Nachfolge Stalins war in vollem Gange, mein Vater fürchtete um sein Leben. Schließlich setzte er sich gegen seine Widersacher Beria und Malenkow durch.

ZEIT ONLINE: Drei Jahre später brach ihr Vater in seiner berühmten Geheimrede auf dem KPdSU-Parteitag mit seinem Vorgänger, benannte dessen Verbrechen und leitete die sogenannte Entstaliniserung ein. Wann hat sich Ihr Vater erstmals negativ über Stalin geäußert, dessen Politik er ja bis zu dessen Tod aktiv unterstützt hatte?

Chruschtschow: Mein Vater hat sich zu Stalins Lebzeiten niemals privat über ihn geäußert. Das wäre viel zu gefährlich gewesen. Während des großen Terrors waren viele Mitarbeiter Stalins sowie Eliten aus der Partei- und Staatsführung ermordet oder deportiert worden, samt ihren Familien.

ZEIT ONLINE: Ihr Vater hatte Angst?

Chruschtschow: Für uns als Angehörige der Nomenklatura war es noch gefährlicher als für das einfache Volk, sich politisch zu äußern. Stalin pflegte seine Mitarbeiter spätnachts anzurufen, um politische Fragen zu erörtern. Wehe dem, der sich dabei verplapperte oder Misstrauen erregte. Mein Vater verbat mir, Telefonanrufe aus Stalins Büro entgegenzunehmen, so weit reichte die Angst.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Stalin und Ihrem Vater verändert?

Chruschtschow: Mein Vater traf Stalin 1925 zum ersten Mal persönlich. Anfangs war er begeistert, wie die meisten Angehörigen seiner Generation. Aber mit den Folgen der Kollektivierung, der daraus resultierenden Hungersnot, mit dem großen Terror, spätestens aber mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden ihm die negativen, katastrophalen Auswirkungen dieser Politik – für die er auch verantwortlich war – bewusst.