Samir Nashar sitzt an einem großen Schreibtisch vor der Flagge der syrischen Opposition – fast wie ein Minister einer neuen Regierung. Nur sitzt er in Istanbul , nicht in Syrien . Nashar, stellvertretender Vorsitzender des Syrischen Nationalrats, hat vor fünf Monaten seine Heimatstadt Aleppo verlassen. Hier in der türkischen Megametropole hat der Syrische Nationalrat ein großes Büro in einem Hochhaus mit weiter Aussicht, die durch Jalousien versperrt ist. Der Flachbildschirm mit den Al-Dschasira-Nachrichten aus Homs und Damaskus ist der wichtigere Blickfang. Ein Konferenzraum, gläserne Büros, Laptops, Flaggen, Wasserspender. Wo sich das Büro befindet, soll nicht jeder wissen. Der syrische Herrscher Baschar al-Assad hat seine Agenten in die Welt hinausgeschickt. Personenkontrollen sind deshalb Routine. Beim Interview mit dem Geschäftsmann und SNC-Führer Nashar sitzt ein Leibwächter dabei, dessen Pistole unter dem engen Pullover gut sichtbar ist.

ZEIT ONLINE: Herr Nashar, ein Jahr nach Ausbruch der arabischen Aufstände sind die Diktatoren in Tunesien , Ägypten und Jemen abgetreten, Baschar al-Assad hält sich hartnäckig. Warum?

Samir Nashar: Syrien ist einfach ein viel schwierigerer Fall. Hier haben alle ihre Interessen, Israel und die Türkei , die Golfstaaten, Hisbollah und Iran. Veränderung in Syrien träfe alle, auch die Großmächte. Russland stützt das Regime mit aller Kraft. Sie kämpfen bis zum Letzten um die Macht.

ZEIT ONLINE: Derzeit vermittelt Kofi Annan im Auftrag der UN und der arabischen Liga. Er schlägt Verhandlungen zwischen Opposition und Regime vor. Sind Sie dazu bereit?

Nashar: Nein, mit Baschar al-Assad gibt es nichts mehr zu verhandeln.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Wahl? Vor einer Woche musste sich die oppositionelle Freie Syrische Armee aus Homs zurückziehen .

Nashar: Wir hatten keine ausreichenden Waffen, deshalb der Rückzug. Viele waren gestorben, noch mehr verwundet, und wir mussten uns dringend um sie kümmern. Die Regimetruppen zielten auf jeden mit einer Kamera, auf jeden Journalisten, damit die Verbrechen der Welt nicht gezeigt werden.

ZEIT ONLINE: Hat der Syrische Nationalrat Waffen?

Nashar: Wir haben selbst keine Waffen, aber wir haben ein Militärisches Büro eröffnet, um Waffenlieferungen zu organisieren. Die verschiedenen militärischen Aktionen und militärischen Gruppen in Syrien sollen koordiniert und unter die politische Aufsicht des Syrischen Nationalrats gestellt werden. Wir wollen die Freie Syrische Armee in jeder Form unterstützen, ihr Berater zur Seite stellen. Wir sammeln auch Geld für sie.

ZEIT ONLINE: Herrscht da Einigkeit? Vor Kurzem hat sich eine syrisch-patriotische Gruppe von ihrem Rat abgespalten.

Nashar: Diese Gruppe wollte nur die Freie Syrische Armee unterstützen und nichts mit der politischen Koordinierung zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Was braucht Syrien jetzt: ein Waffenembargo, eine Intervention ?

Nashar: Wenn ein Waffenembargo, dann nur für das Regime, nicht für uns. Was wir wirklich brauchen, sind Schutzzonen. Darin sollten sich Flüchtlinge sicher vor Angriffen des Regimes fühlen können. Es gibt mittlerweile eine große Zahl von Flüchtlingen im Land, deren Häuser zerstört, deren Verwandte umgebracht wurden. Um diesen Menschen zu helfen, ist kein Beschluss des UN-Sicherheitsrats nötig. Die USA und die EU , die Türkei und die Arabische Liga könnten sich entschließen, das zu tun.

ZEIT ONLINE: Welche Länder helfen ihnen wirklich?

Nashar: Von der EU und den USA kommt bisher nicht viel, aber einige arabische Länder helfen uns. Wir fragen als erstes nach Geld, damit wir Waffen zur Selbstverteidigung gegen das Regime kaufen können.

ZEIT ONLINE: Viele im Westen würden sich eine aktive Rolle der Türkei in Syrien wünschen.

Nashar: Sie unterstützen uns politisch, sie bieten uns Zufluchtsorte und Unterkunft. Die Türken tun ihr Bestes. Wir hoffen, dass in der Zukunft von der Türkei aus humanitäre Korridore nach Syrien errichtet werden.