Freitagabend gegen halb sieben ließ der Kapitän des deutschen Frachters Atlantic Cruiser vor der syrischen Küste die Maschinen stoppen. Er tat dies nicht ganz freiwillig, angeblich soll er iranische Waffen für Syriens Diktator Assad geladen haben. Wie ZEIT ONLINE aus Reihen der syrischen Opposition in Kairo erfuhr, hatten Aktivisten am Donnerstag im ostafrikanischen Dschibuti beobachtet, wie Waffen auf das deutsche Schiff verladen wurden. Die Oppositionellen hatten das Schiff tagelang im Internet auf Seeverkehrskarten verfolgt.

Das Ziel der Reise: Tartus, der große syrische Militärhafen. Damit konfrontiert, stoppte der Geschäftsführer der deutschen Reederei Bockstiegel die Fahrt. "Wir wissen nichts von Waffen an Bord. Aber wir erhalten Drohungen und Warnungen. Wir suchen jetzt im Mittelmeer nach einem sicheren Dritthafen", erklärte Thomas Weissinger am späten Freitagabend im ostfriesischen Emden . "Ich fürchte um die Sicherheit meiner Mannschaft, falls wir mit diesem Schiff Syrien anfahren."

Die Atlantic Cruiser ist das erste deutsche Schiff, dem vorgeworfen wird, das EU-Embargo gegen Syrien zu brechen. Seit Anfang März ist es an die ukrainische Chartergesellschaft "White Whale Shipping" vermietet. An Bord seien Elektronikbauteile, keine Waffen, verteidigt sich die Firma in der Schwarzmeer-Stadt Odessa . Nach dem Stopp der Maschinen weigerte sie sich lange Zeit, dem deutschen Reeder die Ladepapiere zugänglich zu machen.

Von den öffentlichen GPS-Karten ist das Schiff verschwunden

"Der Kapitän darf auf Anweisung der Ukrainer die Papiere nicht herausgeben. Wir hoffen aber, dass wir sie im Laufe des Tages bekommen", sagt Weissinger am Samstag Nachmittag. Der Anweisung aus Emden, das Schiff im Kreis fahren zu lassen, stieß auf den harschen Protest der Chartergesellschaft, die auf Vertragserfüllung drängte. Die "White Whale Shipping" soll die Reederei mittlerweile verklagt haben.

Es ist noch immer unklar, wie es mit dem Atlantic Cruiser weitergeht. Der über hundert Meter lange Frachter dümpelt immer noch zwischen Zypern und Syrien. Von den öffentlich zugänglichen GPS-Ortungskarten ist das Schiff mittlerweile verschwunden, vermutlich, weil der Kapitän aus Angst vorläufig unsichtbar bleiben will. "Er ist nervös", sagt Weissinger, der mit ihm in telefonischem Kontakt steht, "denn er weiß nicht, was ihn erwartet". Die Besatzung besteht aus zwölf Zyprioten. Die Deutschen drängen darauf, das Schiff von türkischen Behörden durchsuchen zu lassen, Container für Container.

"Es kann sein, dass die Ladepapiere in Ordnung sind, aber etwas anderes geladen ist", räumt Weissinger ein. Deswegen will er ganz sichergehen. Er hat einen türkischen Anwalt eingeschaltet und wartet auf die Genehmigung, in einem türkischen Hafen einlaufen zu können. "Vermutlich wird es Mersin oder Iskenderun werden." Außerdem: Das Schiff sei für Syrien gar nicht versichert.

Noch weiß man nicht, ob das Schiff tatsächlich Waffen geladen hat und das Embargo brechen wollte. Es schwirren viele Gerüchte im syrischen Bürgerkrieg herum. Zumindest eines steht nach der Aufregung jetzt schon fest: Die Reederei Bockstiegel will künftig keine Krisengebiete mehr anfahren. "Nur so", sagt Weissinger, "können wir solche Probleme künftig vermeiden."