Nach der Flucht aus seinem Hausarrest hält sich der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng nach Angaben eines Menschenrechtlers mit hoher Wahrscheinlichkeit in der US-Botschaft in Peking auf. "Ich glaube, er ist in der Botschaft in Sicherheit", sagte Hu Jia . Chens Fluchthelfer hätten ihn an einen "zu hundert Prozent sicheren" Ort gebracht, sagte Hu. "Welcher Ort könnte sicherer sein als die US-Botschaft?", fügte er hinzu. Weitere Angaben wolle er zum Schutz derjenigen, die Chen bei seiner Flucht unterstützt hätten, jedoch nicht machen.

Die New York Times berichtete unter Berufung auf Quellen im chinesischen Ministerium für Staatssicherheit , dass sich der Dissident tatsächlich auf dem Gelände der diplomatischen Vertretung der USA in Peking aufhalte. Die US-Regierung äußerte sich nicht zu den Berichten. Außenamtssprecherin Victoria Nuland wiederholte am späten Freitag mehrfach, sie wolle den Fall nicht kommentieren. Washington habe "immer" schon seine "Sorge" über den Fall Chen erklärt. Zhu Feng, Experte für internationale Beziehungen an der Universität von Peking, nannte es jedoch "sehr interessant", dass die USA die Gerüchte über einen Aufenthalt Chens in ihrer Botschaft weder bestätigten noch dementierten. Die chinesischen Staatsmedien berichteten nicht über den Fall.

Spekulationen über Verhandlungen mit den USA

Derweil spekulieren Menschenrechtler über mögliche Verhandlungen zwischen Peking und Washington. Laut dem Vorsitzenden der in den USA ansässigen Menschenrechtsorganisation ChinaAid, Bob Fu, werde über die Zukunft Chens verhandelt. Eine Ausreise des 40-Jährigen in die USA schloss Hu Jia aus: "Er hat nie über den Status eines politischen Flüchtlings gesprochen." Er wolle im Land bleiben und kämpfen, sagte der Aktivist. 

Die Flucht Chens war am Freitag bekannt geworden. Er meldete sich in einem an Chinas Ministerpräsidenten Wen Jiabao gerichteten Online-Video zu Wort und bat um Sicherheit für seine Familie. Chinesischen Sicherheitskräften warf er darin vor, ihn und seine Familie misshandelt zu haben.

Chen war nach vier Jahren Haft im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither unter Hausarrest. Er ist einer von zahlreichen autodidaktischen "Rechtsanwälten", die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Chen stand vor allem mit seiner Kritik an der rigiden Ein-Kind-Politik im Fokus der Regierung. Er hatte zahlreiche erzwungene späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen aufgedeckt. Wegen entsprechender Vorwürfe an Beamte wurde er im Jahr 2006 inhaftiert.