Macht, Intrigen, Mord, Korruption: Die Affäre um die Frau des tief gefallenen chinesischen Spitzenpolitikers Bo Xilai kommt wie ein Krimi daher. Einer, der unter der Rubrik Aus aller Welt laufen könnte und auch in anderen Ländern so mal vorkommen kann. Doch hinter den Mauern des Regierungsviertels in Peking brodelt es: Wenige Monate vor dem vorgesehenen und eigentlich bereits als reibungslos deklarierten Führungswechsel hat die Affäre einen heftigen Richtungsstreit innerhalb der Partei- und Staatselite ausgelöst.

Es scheint um die Zukunft der inzwischen immerhin zweitgrößten Volkswirtschaft zu gehen. Beobachter sprechen bereits von Chinas heftigster politischer Krise seit der Niederschlagung der Tiananmen-Proteste 1989. Zwei Ereignisse elektrisieren das politische Geschehen Pekings: Der Ausschluss Bo Xilais aus dem mächtigen Politbüro der Kommunistischen Partei und die gleichzeitige Aufnahme von Ermittlungen gegen seine Ehefrau Gu Kailai wegen des Todes eines britischen Beraters.

Dem 41-jährigen Geschäftsmann Neil Heywood wurde im vergangenen November in der südwestchinesischen 30-Millionen-Metropole Chongqing ein vergiftetes Getränk gereicht. Das zumindest berichten Informanten, die sich wiederum auf inzwischen wieder aufgenommene Ermittlungen berufen und die Ergebnisse angelsächsischen Medien gesteckt haben. Und ein Tatmotiv haben sie auch gleich mitgeliefert: Gu Kailai, seinerzeit war ihr Mann noch Parteichef von Chongqing, stehe hinter dem Mord. Sie habe jahrelang eine Beziehung zu dem Briten gepflegt, im November 2011 habe sie ihn gebeten, eine wohl nicht geringe Menge Geld ins Ausland zu schaffen.

Bo Xilai war sehr populär

Weil der Brite daran mitverdienen wollte, sie sich aber nicht einigen konnten und es zum Zerwürfnis kam, der Brite dann drohte, dieses zwielichtige Geschäft an die chinesische Öffentlichkeit zu bringen, habe sie den Mord in Auftrag gegeben – aus Angst um die Karriere ihres Mannes. Bo Xilai galt bereits als aussichtsreicher Kandidat, beim anstehenden Führungswechsel im Herbst in den neunköpfigen Ständigen Ausschuss des Politbüros aufzusteigen – dem eigentlichen Zentrum der Macht in der Volksrepublik.

Doch daraus wird nun nichts. Mitte März enthob die amtierende Staatsführung Bo von seinem Amt als Parteichef von Chongqing. Vergangene Woche verlor er auch all seine anderen Ämter. Seine Frau Gu wurde festgenommen, er steht wahrscheinlich in seiner Villa im Norden Pekings unter Hausarrest. So zumindest lautet die Version, die auch in China , wenn nicht gerade über die offiziellen Staatsmedien, so doch offiziös im Internet lanciert wurde.

Was den Sturz Bos aber politisch brisant macht: Er war in weiten Teilen der Bevölkerung sehr populär und stand innerhalb der chinesischen Führung für eine bestimmte Strömung – und zwar der sogenannten Neuen Linken. Sie bezeichnen sich als neu, weil sie sich im Gegensatz zur alten Linken nicht als Anhänger von Mao Zedong sehen und Marktwirtschaft an und für sich befürworten. Sie halten sich dennoch für links, weil sie in Abgrenzung zu Marktradikalen die rapide wachsende soziale Ungleichheit als zentrales Problem Chinas betonen.

Identifizieren lassen sich die unterschiedlichen politischen Strömungen Chinas derzeit mit einzelnen Städten. Steht etwa Guangzhou nahe Hongkong für die rein auf Export getriebene Industriepolitik und damit für die Werkbank der Welt, gilt Chongqing als Modellstadt der Neuen Linken. Die Metropole ist administrativ gesehen die größte Stadt der Welt und war noch bis vor Kurzem ein Inbegriff für Chinas rückständiges Binnenland im armen Südwesten. In den vergangenen Jahren hat sich die Stadt aber zu einer pulsierenden Metropole entwickelt und weist landesweit die höchsten Wachstumsraten auf. Was Chongqing von den reichen Küstenregionen unterscheidet, ist der starke Einfluss von Staatsunternehmen.